Ungleich viel schwieriger als bei den Platten ist es, eine Bestenliste der Bücher 2010 zu erstellen. Zum einen, weil Lesen eine Beschäftigung ist, die man nicht nebenher betreibt – die neue Dead-Weather-Scheibe dagegen kann man durchaus beim Geschirrspülen kennen und schätzen lernen. Zum anderen natürlich, weil es immens teuer ist, in puncto Literatur auf dem neuesten Stand zu bleiben. Selbst, wenn man das eine oder andere Rezensionsexemplar abstaubt. Außerdem steht die „schöne Literatur“ ja immer in Konkurrenz zu den Leseverpflichtungen in Form von Tages- und Wochenzeitungen bzw. Magazinen. (Von den ganzen Online-Medien, die man zumindest streifen sollte, und der Vielzahl an Links, die einem im Lauf der Arbeitswoche um die Ohren fliegen, mal ganz zu schweigen.) Im abgelaufenen Jahr kam der Umstand der beruflichen Neuorientierung dazu, der noch einmal weniger Zeit zum entspannten Schmökern gelassen hat. Sei’s drum: Hier sind meine Leseempfehlungen 2010 – nicht primär das, was in diesem Jahr erschienen ist, sondern was mein Lesejahr prägte.
Belletristik:
1. Henri Charrière – Papillon (1970): „Das Buch begleitet mich insofern schon ein Leben lang, als ich es seit frühesten Kindertagen – zumindest, seit ich lesen kann – jede Ferien aufs Neue bei Oma im Bücherregal sah. Unlängst war ich wieder auf Besuch und hab’s mir mitgenommen. Und, was soll ich sagen: packend!“ – Dieser Feststellung vom 20. November ist wenig hinzu zu fügen. Mittlerweile habe ich mich durch die mehr als 600 Seiten gelesen und darf sagen, schon sehr lange nicht mehr so sehr bei einer Erzählung mitgefiebert zu haben. Die Fortsetzung des autobiografischen Abenteuerromans, Banco, lag unter dem Weihnachtsbaum und wird mir den Jahresbeginn 2011 versüßen.
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Freitagabend, Weihnachtsgetümmel, Tausende auf dem Weg. Fluchtgedanken: Musik im Ohr: Cut Like A Buffalo. Als dich plötzlich dieser Kerl anstarrt, steigt deine Laune nicht unbedingt. Du willst dich schon wegdrehen, als du, spät aber doch, unter der dicken Pudelmütze, hinter dem hochgeschlagenen Mantelkragen, deinen guten Freund erkennst. Der eigentlich tausende Kilometer entfernt, in London sein sollte. Und sich nun hier in Wien antreffen lässt, wo er für lausige 24 Stunden zu Gast ist. Du erkennst nun auch, bei wem – er hat seine Schwester im Schlepptau, die Gute.
Freude!
Lange ist es her, doch sofort ist alles beim Alten. Man tauscht die aktuelle Lebenssituation aus (der eine ist verheiratet, der andere Vater – das ist nichts Neues, aber birgt hohes Geschichtenpotenzial). Man erläutert die politischen Verhältnisse da wie dort. Und landet schließlich genau da, wo man irgendwann, vor Ewigkeiten, am engsten miteinander war: in der Schule. Was dieser, was jene mache? Ob diese, ob jener gut gealtert ist? Die Band damals – wir waren so gut! (Wir waren SO gut!!!)
Der Abschied, viel zu bald. Eine Stunde nur und dann: Auf Wiedersehen, alter Freund!
(Auf Wiedersehen!)
Ich habe mich nie an die Bettlermasse in Wien gewöhnt. Vielleicht braucht man, vom Land kommend, auch mehr als eine lausige Dekade, um sich mit dem Elend dieser Männer, Frauen und Kinder abzufinden. Natürlich: Viele der Bettelnden in unserer Stadt haben es immer noch besser als jene Kinder, die etwa in Buenos Aires kurz nach der Abenddämmerung aus allen Ecken herbei strömen und die Mülltonnen nach Essbarem oder Spielsachen durchwühlen. Dennoch gibt einem die Not dieser Menschen in einem der reichsten Länder der Welt gerade in der Vorweihnachtszeit sehr zu denken. Es betrübt, dass man ihnen nicht allen helfen kann.
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Das wird jetzt einige schockieren, aber ich hatte in den zehn Jahren, die ich bereits in Wien lebe, nur einmal Heimweh. Und das war voriges Jahr im Sommer. Unser aller Lieblings-Sportler, der gute Toni Innauer, hatte einen Artikel über s’Ländle geschrieben, der mir zufällig vor die Brillengläser kam. Ich las von seiner Jugend im Bregenzer Wald, frischte meine Erinnerung an die in Kindertagen vernommene Legende vom Innauerschen Gasthof auf – inzwischen von Antons Schwester Berghild geführt – und erfreute mich an Schilderungen der Vorarlberger Küche. Am meisten beeindruckten mich aber die wunderbaren Fotografien der Wälder Landschaft, die die Geschichte illustrierten. Da spürte ich einen Stich im Herzen und sehnte mich ein, zwei Tage dahin zurück.
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Einer Freundin war zu Ohren gekommen, „dass du mit dinam Kind ger koan Dialekt redescht“. Dabei wäre das doch, im Sinne der Vielsprachigkeit, ein immenser Vorteil für dessen Zukunft. „Beruhig di“, versuchte ich abzuwehren, und verwies darauf, dass ich mit Wörtern wie Käsknöpfle (statt fürchterlichen Ausdrücken wie Kasspätzle / -nock’n / -nudl’n), tschutta und Gofa (in Wien: Gschropp’m) selbstverständlich auf einen weltgewandten Sprachgebrauch meiner Tochter hin arbeite. Englisch, Türkisch und Serbokroatisch lernt sie dazu noch im Kindergarten, wie ich wohlwollend über viele Lieder und Gedichte wahrnehme, und damit wäre ein Grundstock für jede vorstellbare Karriere im In- und Ausland gelegt.
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