In drei Krimis zeichnete der gebürtige Oberösterreicher Franz Kabelka ein lebendiges Bild der Vorarlberger Gesellschaft vom Bodensee bis ins Montafon. Den Ermittler Anton „Tone“ Hagen präsentiert er als zerbrechliche Seele, die sich nicht scheut, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Im Interview spricht der Autor, ehemaliger Stadtpolitiker und hauptberuflich AHS-Lehrer in Feldkirch, über Mundarten, Heimat, politische Einmischung und Burnout.
(mad): Tone Hagen kehrt nach vielen Jahren in Linz zurück ins „Ländle“. Sie stammen selbst aus Oberösterreich – war es schwer, die neue Heimat zu schildern?
Kabelka: Ich habe lange überlegt, wie ich es angehe, damit mir mein „Zuag’rast-Sein“ nicht von den „g’hörigen“ Vorarlbergern angelastet wird. Die Perspektive dessen einzunehmen, der mit einer gewissen Distanz in seine alte Heimat zurückkehrt, erschien mir als die beste Lösung. Es kommen in meinen Romanen nur wenige Vorarlberger Dialektausdrücke vor, bei denen ich mich außerdem so gut wie möglich abgesichert habe. Da bin ich penibler als manch anderer Autor. Im letzten Buch kommen zudem Wienerisch, Münchnerisch und Berlinerisch vor. Das lief alles durch mehrere Kontrollinstanzen.
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Ungleich viel schwieriger als bei den Platten ist es, eine Bestenliste der Bücher 2010 zu erstellen. Zum einen, weil Lesen eine Beschäftigung ist, die man nicht nebenher betreibt – die neue Dead-Weather-Scheibe dagegen kann man durchaus beim Geschirrspülen kennen und schätzen lernen. Zum anderen natürlich, weil es immens teuer ist, in puncto Literatur auf dem neuesten Stand zu bleiben. Selbst, wenn man das eine oder andere Rezensionsexemplar abstaubt. Außerdem steht die „schöne Literatur“ ja immer in Konkurrenz zu den Leseverpflichtungen in Form von Tages- und Wochenzeitungen bzw. Magazinen. (Von den ganzen Online-Medien, die man zumindest streifen sollte, und der Vielzahl an Links, die einem im Lauf der Arbeitswoche um die Ohren fliegen, mal ganz zu schweigen.) Im abgelaufenen Jahr kam der Umstand der beruflichen Neuorientierung dazu, der noch einmal weniger Zeit zum entspannten Schmökern gelassen hat. Sei’s drum: Hier sind meine Leseempfehlungen 2010 – nicht primär das, was in diesem Jahr erschienen ist, sondern was mein Lesejahr prägte.
Belletristik:
1. Henri Charrière – Papillon (1970): „Das Buch begleitet mich insofern schon ein Leben lang, als ich es seit frühesten Kindertagen – zumindest, seit ich lesen kann – jede Ferien aufs Neue bei Oma im Bücherregal sah. Unlängst war ich wieder auf Besuch und hab’s mir mitgenommen. Und, was soll ich sagen: packend!“ – Dieser Feststellung vom 20. November ist wenig hinzu zu fügen. Mittlerweile habe ich mich durch die mehr als 600 Seiten gelesen und darf sagen, schon sehr lange nicht mehr so sehr bei einer Erzählung mitgefiebert zu haben. Die Fortsetzung des autobiografischen Abenteuerromans, Banco, lag unter dem Weihnachtsbaum und wird mir den Jahresbeginn 2011 versüßen.
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Ein gutes Vierteljahrhundert Österreich: Die Nachwehen der Waldheim-Affäre, das Erstarken der extremen Rechtspartei(en), Studentenproteste und Kirchenkrisen – aus der Sicht eines deutschen Zuwanderers verlieren die Themen an Bedeutung. Über all dem schwebt der ewige Triumph der Alpenrepublik, die Deutschen 1978 im argentinischen Córdoba durch ein 3:2 aus der Fußball-WM gekickt zu haben: Ein Jahrhundertereignis, das die nördlichen Nachbarn nie so schmerzte, wie man es hierzulande zu wissen meint. Dirk Stermann, seit den frühen 90er-Jahren als alemannische Hälfte des Komikerduos Stermann & Grissemann aus Funk und Fernsehen bekannt, hat seinen Migrationshintergrund in Buchform gebracht. 6 Österreicher unter den ersten 5. Roman einer Entpiefkenisierung nennt sich das Werk, das in mancherlei Hinsicht mit den Erwartungen der Fangemeinde bricht.
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Einen günstigeren Zeitpunkt für diese Buchveröffentlichung hätte es kaum geben können: Just als sich Mitte März die bis heute aktuelle Kirchenkrise einem ersten Höhepunkt näherte – der dringenden Frage, ob vielleicht sogar der heutige Papst Fälle von priesterlichem Kindesmissbrauch gedeckt hat –, kam Wolfgang Bergmanns Romanerstling Die kleinere Sünde heraus. Ein Glücksfall für den Autor und seinen Verlag, denn so etwas lässt sich schlecht planen, wenn man die Vorlaufzeiten einer ordentlichen Buchproduktion bedenkt. Der Hinweis auf dem Buchumschlag, dass die vorliegende Handlung „frei erfunden“ sei, „soweit sie nicht auf Tatsachen beruht“, kann allerdings nicht von der Vermutung eines Schlüsselromans ablenken, in dem – einmal mehr, einmal weniger offensichtlich – in reale Skandale verwickelte Personen beschrieben sind. „Im Grunde sind Bücher etwas für den Nachlass“, heißt es in diesem Sinn bereits auf der ersten Seite, „du machst dir nur Schwierigkeiten, wenn du publizierst, solange du lebst. Alle, die du kennst, werden versuchen, sich wiederzufinden.“
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Dass sich da gerichtlich was tun würde, war abzusehen; verwunderlich ist, dass der Kläger fast drei Monate auf sich warten ließ. Bereits Ende September ist die Weiße Nacht von David Schalko erschienen, erst kurz vor Weihnachten jedoch sei dem Verlag die Anzeige untergekommen, und vor einigen Tagen schließlich drang das Ganze an die Öffentlichkeit. BZÖ-Anhängsel Stefan Petzner, im Oktober des vorletzten Jahres über die Kärntner Grenzen hinaus bekannt geworden, weil er Jörg Haider an dessen Todestag als seinen Lebensmenschen geoutet hat, fühlt sich durch Schalkos knapp 130-seitige Erzählung bloßgestellt und fordert dafür (finanzielle) Genugtuung. Die Argumentation: Man erkenne ihn in der erzählenden Figur Thomas aufgrund eines beschriebenen Delfin-Tatoos, einer erwähnten Solariumsbräune, einer Lieblingsfarbe (türkis) und eines Lieblingswortes (Flocke), das alles und nichts zu bezeichnen scheint, wieder.
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