Ungleich viel schwieriger als bei den Platten ist es, eine Bestenliste der Bücher 2010 zu erstellen. Zum einen, weil Lesen eine Beschäftigung ist, die man nicht nebenher betreibt – die neue Dead-Weather-Scheibe dagegen kann man durchaus beim Geschirrspülen kennen und schätzen lernen. Zum anderen natürlich, weil es immens teuer ist, in puncto Literatur auf dem neuesten Stand zu bleiben. Selbst, wenn man das eine oder andere Rezensionsexemplar abstaubt. Außerdem steht die „schöne Literatur“ ja immer in Konkurrenz zu den Leseverpflichtungen in Form von Tages- und Wochenzeitungen bzw. Magazinen. (Von den ganzen Online-Medien, die man zumindest streifen sollte, und der Vielzahl an Links, die einem im Lauf der Arbeitswoche um die Ohren fliegen, mal ganz zu schweigen.) Im abgelaufenen Jahr kam der Umstand der beruflichen Neuorientierung dazu, der noch einmal weniger Zeit zum entspannten Schmökern gelassen hat. Sei’s drum: Hier sind meine Leseempfehlungen 2010 – nicht primär das, was in diesem Jahr erschienen ist, sondern was mein Lesejahr prägte.

Belletristik:

1. Henri Charrière – Papillon (1970): „Das Buch begleitet mich insofern schon ein Leben lang, als ich es seit frühesten Kindertagen – zumindest, seit ich lesen kann – jede Ferien aufs Neue bei Oma im Bücherregal sah. Unlängst war ich wieder auf Besuch und hab’s mir mitgenommen. Und, was soll ich sagen: packend!“ – Dieser Feststellung vom 20. November ist wenig hinzu zu fügen. Mittlerweile habe ich mich durch die mehr als 600 Seiten gelesen und darf sagen, schon sehr lange nicht mehr so sehr bei einer Erzählung mitgefiebert zu haben. Die Fortsetzung des autobiografischen Abenteuerromans, Banco, lag unter dem Weihnachtsbaum und wird mir den Jahresbeginn 2011 versüßen.

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„Es ist auch moralisch verwerflich, wenn einer, der als [Politiker] grandios gescheitert ist und bisher noch nicht viel zusammengebracht hat, sich auf meine Kosten, zu Lasten meiner Person, zu profitieren (!) versucht und Geld mit mir macht. Das lass ich nicht zu!“ – Man könnte meinen, Stefan Petzner schilt sich selbst für die peinlichen Ausnahmesituationen, in die er sich – scheinbar in immer kürzeren Abständen – regelmäßig manövriert. Aber nein, das in einem Wort veränderte Zitat zielte in Wirklichkeit auf den liebsten Feind David Schalko ab, „der als Künstler grandios gescheitert“ sei, wie Petzner meint.

Immer noch geht es um die Weiße Nacht, Ruhe wird wohl frühestens nach dem Gerichtsprozess am 19. Februar einkehren. Und was schon bisher im Raum stand, wird eben von der deutschen Kulturzeit bestätigt: Petzner klage „nicht auf ein Verbot“ des Buches, sondern er wolle erlittenen Schaden ersetzt haben: „Tantiemen sozusagen – und einen kleinen Zipfel vom Ruhm“, wie 3sat heute verdeutlichte. Es ist ihm also – zum Beispiel – wurscht, dass die an ihn angelehnte Figur (angeblich) einen melonenförmigen Kopf hat. Nun, dann wird der seelische Schmerz wohl nicht all zu tief sitzen. Ein leichtes Spiel für Schalko und seinen Verlag.

Ach ja: „Das kann man als aufrechter Demokrat nicht zulassen“, wird das BZÖ-Anhängsel in diesem Zusammenhang weiter zitiert. Und wieder erwartet man ihn ob seines politischen Wirkens mit erhobenem Zeigefinger vor dem Spiegel stehend…

Dass sich da gerichtlich was tun würde, war abzusehen; verwunderlich ist, dass der Kläger fast drei Monate auf sich warten ließ. Bereits Ende September ist die Weiße Nacht von David Schalko erschienen, erst kurz vor Weihnachten jedoch sei dem Verlag die Anzeige untergekommen, und vor einigen Tagen schließlich drang das Ganze an die Öffentlichkeit. BZÖ-Anhängsel Stefan Petzner, im Oktober des vorletzten Jahres über die Kärntner Grenzen hinaus bekannt geworden, weil er Jörg Haider an dessen Todestag als seinen Lebensmenschen geoutet hat, fühlt sich durch Schalkos knapp 130-seitige Erzählung bloßgestellt und fordert dafür (finanzielle) Genugtuung. Die Argumentation: Man erkenne ihn in der erzählenden Figur Thomas aufgrund eines beschriebenen Delfin-Tatoos, einer erwähnten Solariumsbräune, einer Lieblingsfarbe (türkis) und eines Lieblingswortes (Flocke), das alles und nichts zu bezeichnen scheint, wieder.

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Müßig, das zu betonen, aber Alfons Haider ist selbstverständlich nicht der Heimatvernaderer, als der er in der FPÖ gehandelt wird. Wir erinnern uns: Am Donnerstagabend (Ausstrahlungstag) war der beliebte Entertainer, Schauspieler und Moderator zu Gast bei Dirk Stermann und Christoph Grissemann, deren Late-Night-Show Willkommen Österreich schon früher für Ablehnung bei den blauen (und orangen) Ex-, Noch- und Wieder-Anhängern des anderen großen Unterhaltungskünstlers mit dem Familiennamen Haider sorgte.

Das Duo Stermann/Grissemann thematisierte (Alfons) Haiders Homosexualität, befragte ihn zum mittlerweile zwölf Jahre zurück liegenden Outing. Nein, er würde es heute nicht mehr tun, in erster Linie aus Rücksicht auf seine Mutter, die damals Opfer einer Prügelattacke geworden ist, „und eine gebrochene Rippe hatte, weil der Bua eine schwule Sau ist“, so Haider. Wenige Sekunden zuvor waren die Worte gefallen, an denen sich die üblichen Verdächtigen, es war zu erwarten, nun erzürnen: Mehrere Jobs habe er damals verloren, sei auch beim ORF rausgeflogen und hatte es ein Jahr lang sehr schwer. Warum? „Weil wir in einem verlogenen, verschissenen Land leben“, in dem die innerfamiliäre Brutalität – weil viele wissende „G’fraster“ sich nicht einmischen – überproportional hoch sei, in dem „Flüchtlinge wie Tiere behandelt und wieder ausgesiedelt werden“, brach es aus ihm heraus: „Das ist alles dieses coole, wunderbare Österreich.“ Aber: „Ich liebe es trotzdem.“

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