Trent Reznor hat es geschafft, nach vielen rechtlichen Wirren sein eigenes Werk, das Debüt-Album der einzigartigen Nine Inch Nails, zu restaurieren. Das Alter war der ursprünglichen Version von Pretty Hate Machine (1989) deutlich anzuhören, wenngleich der etwas dumpfe Klang auch seinen Charme hatte. Geschenkt: Head Like A Hole, Terrible Lie, Sin und sieben weitere, hinlänglich bekannte Songs (plus Bonustrack) gilt es nun neu zu entdecken.
Im tödlich komprimierten 128er-mp3-Format wird freilich wenig Unterschiedliches zu hören sein, aber mit der passenden Stereoanlage bzw. guten Kopfhörern wird man in der Fülle bisher nicht beachteter Details eine Weile sein Glück finden. Streckenweise klingt das Album wie eine harte Version der (damaligen) Depeche Mode; aber der Weg, den Reznor mit Platten wie The Downward Spiral (1994) und dem Opus magnum The Fragile (1999) einschlug, ist vorgezeichnet. Besonders schön: Something I Can Never Have gewinnt gegenüber der Still-Version (2002) an Relevanz.
(10 Punkte)
Drei Jahre nach Veröffentlichung hat der Titel eine ganz besondere Bedeutung. Gab Sänger Peter Steele 2005 seinem morbiden Humor Freilauf, indem auf der Band-Website sein Tod verkündet wurde, so kam sein Ableben im April 2010 umso überraschender: keine 50 Lenze, der Mann – ein in seiner physischen Erscheinung für jeden Menschen wie selbstverständlich als unsterblich erkennbarer Hüne. Und dennoch, plötzliches Herzversagen: Dead Again.
Umso mehr erfreut die Vorstellung, dass Steele unlängst Halloween In Heaven feierte und endlich herausfinden konnte ob stimmt, was er 1993 in Christian Woman sang: „Jesus Christ looks like me“. Zum ungeplanten Abschied hinterließ Steele ein Album, das sich auch als Best-of dieser Ausnahmeband verkaufen ließe: Mit einem Hardcore-Riff geht der Titelsong in die Vollen, mit September Sun ist eine geradezu als klassisch zu bezeichnende Type-O-Negative-Ballade dabei, die sich hinter einem Hit wie November Rain (man beachte die Titel!) nicht zu verstecken bräuchte.
(9 Punkte)
Zwei Drittel der restlichen Type O Negative, nämlich deren Gitarrist Kenny Hickey und Drummer Johnny Kelly, treten am morgigen Sonntag mit ihrem vor einigen Jahren gegründeten Nebenprojekt Seventh Void als Vorgruppe von Monster Magnet in der Wiener Arena auf. Anspieltipp: Heaven Is Gone.
Damals, 1994, wurde der Band die angebliche Antiquiertheit ihres Sounds vorgeworfen, tat man sie als ewige Hippies ab. Gleichzeitig hagelte es jedoch Häme ob ihrer, ebenfalls angeblichen, Anbiederung an die in den USA gerade abflauende Grunge-Welle. Wie man es dreht und wendet: Selig zählten nie zu den Kritikerlieblingen. Umso mehr zielte ihre Musik auf die Herzen der Fans ab – und wenngleich sie vermeintlich wenig von der Verkopftheit der so genannten „Hamburger Schule“-Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder (den späteren) Tocotronic hatten, die in etwa um dieselbe Zeit ihre ersten Indie-Erfolge feierten, so versteckten sich doch einige Klugheiten in den lässig herunter gerockten Selig-Songs.
Ich erinnere mich an die Freitagabende 1994/95, als das Duo Stermann & Grissemann im Salon Helga (damals noch auf Radio Ö3) neben heute vergessenen Kult-Bands wie Die Nuts (Irgendwas fehlt immer, Aus einer heiligen Stadt) auch Seligs Wenn ich wollte auf und ab spielte. Dass zu jener Zeit bereits deren bis heute wohl größter Hit Ohne dich im Musik-TV auf und ab gespielt wurde, war mir mangels Kabelanschluss nicht bewusst, weshalb ich mir das selbstbetitelte Debüt-Album mit der richtigen Erwartung besorgte: eine gute Stunde härterer, deutschsprachiger Rockmusik. Titel wie Sie hat geschrien, Die Besten, Ja und vor allem die psychedelisch mehr als nur angehauchten High (Nomen est omen!) und Frei konnten mich von Anfang an begeistern – und klingen heute noch genau so frisch: Ersetze Antiquiertheit durch Zeitlosigkeit!
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Ein blechernes Dröhnen. Klaviertöne, unter die sich ein brummender Bass mischt: Kenner wird Hand Covers Bruise an Ghosts erinnern, den Instrumentalzyklus, mit dem Trent Reznor 2008 begeisterte – sein letztes Meisterwerk. Nach dem halbgaren – aber kostenlosen – letzten Nine Inch Nails-Album The Slip und dem Projekt How To Destroy Angels produzierte er nun den Soundtrack zum neuen David-Fincher-Film The Social Network. Zusammen mit Atticus Ross, der immer wieder an NIN-Platten mitwirkte, gestaltet Reznor den Score des wohl heißesten Films dieses Herbstes: Geht es doch um den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.
Der Score ist wie Ghosts ein Album, auf dem die Vocals fehlen, ohne abzugehen. Neben typischen NIN-Elementen finden sich an die Chemical Brothers erinnernde Soundcollagen, die im Unterschied zu dem, was die Dust Brothers vor elf Jahren zu Finchers Fight Club beisteuerten, auch eigenständig, ohne Bilder, funktionieren. Insbesondere das Cover von Edvard Griegs Mountain King begeistert.
(7 Punkte)
Hörproben (mp3-Downloads) der genannten Alben & Projekte gibt es hier.
Eine ziemlich lässige Version des Grieg-Stücks bietet dieser junge Mann.
Es ist ein bisschen ein Trauerspiel. Einerseits gelingt es dieser von mir einst vergötterten Band tatsächlich, an alte Stärken anzuknüpfen; zugleich gibt es auf Remember Who You Are aber so wenig Neues zu hören, dass man wohl auch künftig lieber die 90er-Jahre-Scheiben auflegen wird.
Natürlich: Die musikalischen Tiefen, in die Jonathan Davis & Co. ab Untouchables (2002) vorgedrungen sind – wobei immer wieder einzelne tolle Tracks auf den Platten waren – scheinen weit entfernt. Aber Songs wie Oildale, Pop A Pill (trotz dem tollen Bassriff!) und Let The Guilt Go fehlt schlicht der letzte Funke Wahnsinn, der große Korn-Hymnen wie Ball Tongue, Shoots & Ladders, No Place To Hide oder A.D.I.D.A.S. geprägt hat. Ganz zu schweigen von dem dreckigen Dutzend an Ohrwürmern auf Follow The Leader, ihrem Über-Album.
Und somit liegt die größte Überraschung dieser Platte wohl darin, den (eigentlich immer etwas überschätzten) Klassiker Issues aus 1999 auf Platz 5 meiner Korn-Charts verdrängen zu können.
(5 Punkte)