Weniger objektiv als in den Jahresbestenlisten geht es wohl nur noch bei der Besetzung der ÖBB-Chefposten zu. Demzufolge bitte ich von all zu großer Enttäuschungsbekundung Abstand zu halten, interessiere mich aber ernsthaft für die Empfehlungen meiner lieben Leserinnen und Leser: Was habe ich 2010 verpasst (oder nur nicht erwähnt)? Was legt ihr mir ans Herz? Ich bin gespannt!
Nun aber zu meinen Top-10-Platten:
1. Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit: Es „darf festgestellt werden, dass die Band mit diesem Album so gut wie alles, was Selig ausmacht, in 16 Tracks (…) unterbringt: Ohrwürmer, sperrige Rocker, Jam-Sessions, funky Riffs, Balladeskes. Und dabei sogar noch Neues einfließen lässt – am deutlichsten etwa, wenn Wirklich gute Zeit mit einer Mundharmonika eingeleitet wird“ – das habe ich im Rahmen meiner Hommage an diese wunderbare Band schon vor einigen Wochen geschrieben. „Wer sich auf diese Platte einlässt, erlebt Plewka und Co. in ungewohnter Leichtigkeit, und zugleich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Highlights: Dramaqueen, Hey Ho, Doppelgänger, Du fährst zu schnell (das neue Bruderlos?) und Ausgang. (…) Chapeau!“ Dem ist nichts hinzu zu fügen. Platte des Jahres – Konzert des Jahres (25.11. im WUK).
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Alex Garlands Der Strand habe ich vor zehn Jahren gelesen, nachdem ich den Film (The Beach) aus besonderen Umständen zwei Mal im Kino gesehen hatte. Von der Geschichte bin ich noch heute begeistert – und den Film (Regie: Danny Boyle) würde ich mir wohl noch das eine oder andere Mal anschauen. Als ich kürzlich Das Koma im Buchabverkauf fand – ein Kurzroman, der mich schon lange interessiert hatte und den die FAZ als „Meisterwerk!“ bezeichnete –, griff ich zu. Und wurde ziemlich enttäuscht.
Die Geschichte dreht sich um einen Mann namens Carl, der von Unbekannten ins Koma geprügelt wird. Als er nach einigen Tagen wieder zu sich kommt, stellt er unangenehme Veränderungen in seiner Umwelt fest – vielleicht auch nur in seiner Wahrnehmung, wie Carl irgendwann überlegt. Oder: Ist er eventuell noch gar nicht aufgewacht? Dieser Frage geht der Protagonist in öden Worten – liegt es nur am Übersetzer? – und pseudophilosophischen Gedankengängen nach. Vom „Meisterwerk“ keine Spur. Aber: schöne Bilder.
(2 Punkte)
Damals, 1994, wurde der Band die angebliche Antiquiertheit ihres Sounds vorgeworfen, tat man sie als ewige Hippies ab. Gleichzeitig hagelte es jedoch Häme ob ihrer, ebenfalls angeblichen, Anbiederung an die in den USA gerade abflauende Grunge-Welle. Wie man es dreht und wendet: Selig zählten nie zu den Kritikerlieblingen. Umso mehr zielte ihre Musik auf die Herzen der Fans ab – und wenngleich sie vermeintlich wenig von der Verkopftheit der so genannten „Hamburger Schule“-Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder (den späteren) Tocotronic hatten, die in etwa um dieselbe Zeit ihre ersten Indie-Erfolge feierten, so versteckten sich doch einige Klugheiten in den lässig herunter gerockten Selig-Songs.
Ich erinnere mich an die Freitagabende 1994/95, als das Duo Stermann & Grissemann im Salon Helga (damals noch auf Radio Ö3) neben heute vergessenen Kult-Bands wie Die Nuts (Irgendwas fehlt immer, Aus einer heiligen Stadt) auch Seligs Wenn ich wollte auf und ab spielte. Dass zu jener Zeit bereits deren bis heute wohl größter Hit Ohne dich im Musik-TV auf und ab gespielt wurde, war mir mangels Kabelanschluss nicht bewusst, weshalb ich mir das selbstbetitelte Debüt-Album mit der richtigen Erwartung besorgte: eine gute Stunde härterer, deutschsprachiger Rockmusik. Titel wie Sie hat geschrien, Die Besten, Ja und vor allem die psychedelisch mehr als nur angehauchten High (Nomen est omen!) und Frei konnten mich von Anfang an begeistern – und klingen heute noch genau so frisch: Ersetze Antiquiertheit durch Zeitlosigkeit!
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Autoren im Selbstverlag werden erst einmal schräg angeschaut. Wenn man aber mit (bekannten) Schriftstellern spricht, erfährt man, dass die Verlagssuche eben nicht einfach ist. Und dass sich auch in Bestsellerlisten Mist findet, wissen wir alle. Ein Selbstverlag ist also nichts Schlechtes; er bietet sogar neue Chancen, wenn man – wie Richard K. Breuer, der ein künstlerisches Großkonzept abarbeitet – auf moderne Webtechnologien setzt.
Das vorliegende Buch ist der erste Band einer Reihe historischer Kriminalromane, die um die Französische Revolution angesiedelt sind. Man lernt ordentlich etwas bei der Lektüre, die durch Fußnoten, seitenweise Anmerkungen und ein Quellenverzeichnis ergänzt wird. Mittelpunkt ist die Werdung des titelgebenden Helden, der auf der Suche nach seinen Wurzeln ist – und sich damit in große Gefahr begibt. Abgesehen von der wunderschönen Aufmachung beeindruckt der Roman durch Wortwitz, raffinierte Wendungen, tolle Dialoge und, essentiell für den Krimi: viel Spannung.
(8 Punkte)
Richard K. Breuer ist von heute, 18., bis Sonntag, 21. November, auf der Wiener Buchmesse anzutreffen. Stand 732, gegenüber der Messebuchhandlung. Mehr zum Autor und seinem erfreulichen Werk gibt es hier.
Man würde es glauben, wenn auf der Platte Travis stünde: Fran Healy liefert wenig Neues, und das ist gut. Wenn man freilich genauer hinhört, das Album auf sich wirken lässt, tritt der eine oder andere Moment zutage, den seine wunderbare Stammband vielleicht auffrisiert bzw. elektrifiziert hätte. Vor allem, wenn man an Ode To J. Smith aus 2008 denkt, auf dem sich Travis für ihre Verhältnisse sehr extrovertiert extravertiert gaben.
Healy knüpft eher an eine frühere Phase an, ca. 1999 bis 2003. Die Melancholie eines Why Does It Always Rain On Me ist dann auch öfter spürbar: Sing Me To Sleep (im Duett mit Neko Case), Buttercups, In The Morning und Anything zählen zu den Highlights. Von der Kollaboration mit Paul McCartney, der bei As It Comes Bass spielte, ist Healy dermaßen begeistert, dass der Song als Hidden Track in einer anderen Version noch einmal auftaucht. Der „European Bonus Track“ Sierra Leone ist toll, der japanischen Zugabe Robot aber an Coolness etwas unterlegen. Ein nahezu perfektes Album.
(8 Punkte)