Im zweiten Anlauf haben sie’s geschafft. Schon bei Accelerate hieß es 2007, dass R.E.M. zu ihren Wurzeln zurückkehren und ihre beste Platte seit 20 Jahren abliefern. In Wahrheit hätten einige Tracks jenes Albums zu R.E.M.s Hochzeiten keine B-Seite abgegeben. Klar machte es Spaß, die Jungs nach mittelprächtigen Platten wie Reveal (dem Tiefpunkt) und Around The Sun wieder aufs Gaspedal treten zu hören. Aber erst mit Collapse Into Now besitzt diese wegweisende Band wieder Relevanz – das war seit New Adventures In Hi-Fi (1996!) nicht mehr der Fall.

Wer das neue Album hört und sich in der Vergangenheit mit Michael Stipe & Co. auseinandergesetzt hat, wird sich gleichermaßen an ihre besten Scheiben Document, Out Of Time oder Monster wie auch das endgültige Durchbruchs-Album Automatic For The People und das erwähnte Hi-Fi erinnert fühlen. Genau genommen vereint Collapse Into Now alles, wofür die Band je stand, auf gut 41 Minuten. Damit taugt das Album auch als Einstieg besser als jede Best-of.

(9 Punkte)

Nirvanas Debüt habe ich zuerst 1993 erworben, damals bereits als Neuauflage nach dem großen Erfolg mit Nevermind 1991. Zum 20-jährigen Bleach-Jubiläum wurde 2009 eine Deluxe-Edition veröffentlicht: Schönes Papp-Klapp-Schuber, tolles Booklet, remastered und mit einem kompletten Konzert vom Februar 1990 aufgepeppt.

Die 13 Bleach-Songs hätten keine Überarbeitung gebraucht. Für die kolportierten 600 Dollar, die damals im Studio blieben, hat Produzent Jack Endino tolle Arbeit geleistet. Die elf Live-Aufnahmen sind allein schon jeden Cent wert: Sicher eine der besseren Nirvana-Live-Dokumente – ich denke schaudernd an die Wishkah-Compilation von 1996. Schade nur, dass die Verpackung irreführt: Es handelt sich nicht um eine Doppel-CD, sondern das Konzert wurde (im Gegensatz zur Vinyl-Version) mit dem Album auf eine CD geknallt. Wenn ich den Einführungspreis von 18 Euro gezahlt hätte, wäre ich etwas sauer. Dennoch: Ich traue mich nun wohl an das ebenfalls 2009 veröffentlichte Reading-Album ran.

(Album: 9 Punkte, Live-Mitschnitt: 7 Punkte)

Unter die geschätzten 300 Live-Bootlegs, die Pearl Jam selbst heraus gebracht haben, fügt sich Live On Ten Legs unauffällig ein. Dennoch ist es in zweierlei Hinsicht eine Besonderheit: Erstens läutet es die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Wirken der Jungs aus Seattle ein; zweitens handelt es sich erstmals seit 1998 (Live On Two Legs) um eine „normales“ Live-Album – dieses wurde aus verschiedenen Auftritten weltweit (2003 bis 2010) gebastelt, was aber nicht weiter auffällt. In der Aufmachung wie im Titel an die 98er-Platte angelehnt, bietet es Mehrwert für alte Fans wie für Neueinsteiger. Die einen erhalten ihre Lieblinge in bester Spiellaune inklusive (überarbeiteter) Aufnahmen zweier selten gespielter Covers (Arms Aloft von Joe Strummer & The Meskaleros, Public Image von PiL), die anderen einen tollen Querschnitt durch die Bandkarriere: Von Klassikern wie Alive, Porch und Animal bis hin zu jüngeren Songs wie Got Some, The Fixer und Just Breathe vom 2009er-Album Backspacer. Gute Sache.

(In Anbetracht der Vielfalt an Live-Alben gehen sich gute 8 Punkte aus.)

Meine Top-5-Live-Bootlegs:

1. Live At The Gorge, Sept. 2005/Juli 2006 (Box-Set, 3 Konzerte auf 7 CDs)
2. Live In Atlanta, April 1993 (Limitiertes 3-CD-Sammel-Digipak)
3. Live In Vienna, Sept. 2006 (2-CD-Download)
4. Live At Benaroya Hall/Seattle, Okt. 2003 (Acoustic Set, 2-CD-Digipak)
5. Live At Easy Street, Mai 2005 (7-Track-EP, Digipak)

Ein interessantes, wie viele andere auch von der Band selbst genehmigtes Download-Fan-Projekt (= Gratis-Live-Alben!) nennt sich Rearviewmirror und wird an dieser Stelle im Pearl-Jam-Forum vorgestellt.

Weniger objektiv als in den Jahresbestenlisten geht es wohl nur noch bei der Besetzung der ÖBB-Chefposten zu. Demzufolge bitte ich von all zu großer Enttäuschungsbekundung Abstand zu halten, interessiere mich aber ernsthaft für die Empfehlungen meiner lieben Leserinnen und Leser: Was habe ich 2010 verpasst (oder nur nicht erwähnt)? Was legt ihr mir ans Herz? Ich bin gespannt!

Nun aber zu meinen Top-10-Platten:

1. Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit: Es „darf festgestellt werden, dass die Band mit diesem Album so gut wie alles, was Selig ausmacht, in 16 Tracks (…) unterbringt: Ohrwürmer, sperrige Rocker, Jam-Sessions, funky Riffs, Balladeskes. Und dabei sogar noch Neues einfließen lässt – am deutlichsten etwa, wenn Wirklich gute Zeit mit einer Mundharmonika eingeleitet wird“ – das habe ich im Rahmen meiner Hommage an diese wunderbare Band schon vor einigen Wochen geschrieben. „Wer sich auf diese Platte einlässt, erlebt Plewka und Co. in ungewohnter Leichtigkeit, und zugleich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Highlights: Dramaqueen, Hey Ho, Doppelgänger, Du fährst zu schnell (das neue Bruderlos?) und Ausgang. (…) Chapeau!“ Dem ist nichts hinzu zu fügen. Platte des Jahres – Konzert des Jahres (25.11. im WUK).

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Trent Reznor hat es geschafft, nach vielen rechtlichen Wirren sein eigenes Werk, das Debüt-Album der einzigartigen Nine Inch Nails, zu restaurieren. Das Alter war der ursprünglichen Version von Pretty Hate Machine (1989) deutlich anzuhören, wenngleich der etwas dumpfe Klang auch seinen Charme hatte. Geschenkt: Head Like A Hole, Terrible Lie, Sin und sieben weitere, hinlänglich bekannte Songs (plus Bonustrack) gilt es nun neu zu entdecken.

Im tödlich komprimierten 128er-mp3-Format wird freilich wenig Unterschiedliches zu hören sein, aber mit der passenden Stereoanlage bzw. guten Kopfhörern wird man in der Fülle bisher nicht beachteter Details eine Weile sein Glück finden. Streckenweise klingt das Album wie eine harte Version der (damaligen) Depeche Mode; aber der Weg, den Reznor mit Platten wie The Downward Spiral (1994) und dem Opus magnum The Fragile (1999) einschlug, ist vorgezeichnet. Besonders schön: Something I Can Never Have gewinnt gegenüber der Still-Version (2002) an Relevanz.

(10 Punkte)