Damals, 1994, wurde der Band die angebliche Antiquiertheit ihres Sounds vorgeworfen, tat man sie als ewige Hippies ab. Gleichzeitig hagelte es jedoch Häme ob ihrer, ebenfalls angeblichen, Anbiederung an die in den USA gerade abflauende Grunge-Welle. Wie man es dreht und wendet: Selig zählten nie zu den Kritikerlieblingen. Umso mehr zielte ihre Musik auf die Herzen der Fans ab – und wenngleich sie vermeintlich wenig von der Verkopftheit der so genannten „Hamburger Schule“-Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder (den späteren) Tocotronic hatten, die in etwa um dieselbe Zeit ihre ersten Indie-Erfolge feierten, so versteckten sich doch einige Klugheiten in den lässig herunter gerockten Selig-Songs.

Ich erinnere mich an die Freitagabende 1994/95, als das Duo Stermann & Grissemann im Salon Helga (damals noch auf Radio Ö3) neben heute vergessenen Kult-Bands wie Die Nuts (Irgendwas fehlt immer, Aus einer heiligen Stadt) auch Seligs Wenn ich wollte auf und ab spielte. Dass zu jener Zeit bereits deren bis heute wohl größter Hit Ohne dich im Musik-TV auf und ab gespielt wurde, war mir mangels Kabelanschluss nicht bewusst, weshalb ich mir das selbstbetitelte Debüt-Album mit der richtigen Erwartung besorgte: eine gute Stunde härterer, deutschsprachiger Rockmusik. Titel wie Sie hat geschrien, Die Besten, Ja und vor allem die psychedelisch mehr als nur angehauchten High (Nomen est omen!) und Frei konnten mich von Anfang an begeistern – und klingen heute noch genau so frisch: Ersetze Antiquiertheit durch Zeitlosigkeit!

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Ein blechernes Dröhnen. Klaviertöne, unter die sich ein brummender Bass mischt: Kenner wird Hand Covers Bruise an Ghosts erinnern, den Instrumentalzyklus, mit dem Trent Reznor 2008 begeisterte – sein letztes Meisterwerk. Nach dem halbgaren – aber kostenlosen – letzten Nine Inch Nails-Album The Slip und dem Projekt How To Destroy Angels produzierte er nun den Soundtrack zum neuen David-Fincher-Film The Social Network. Zusammen mit Atticus Ross, der immer wieder an NIN-Platten mitwirkte, gestaltet Reznor den Score des wohl heißesten Films dieses Herbstes: Geht es doch um den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Der Score ist wie Ghosts ein Album, auf dem die Vocals fehlen, ohne abzugehen. Neben typischen NIN-Elementen finden sich an die Chemical Brothers erinnernde Soundcollagen, die im Unterschied zu dem, was die Dust Brothers vor elf Jahren zu Finchers Fight Club beisteuerten, auch eigenständig, ohne Bilder, funktionieren. Insbesondere das Cover von Edvard Griegs Mountain King begeistert.

(7 Punkte)

Hörproben (mp3-Downloads) der genannten Alben & Projekte gibt es hier.

Eine ziemlich lässige Version des Grieg-Stücks bietet dieser junge Mann.

Es ist ein bisschen ein Trauerspiel. Einerseits gelingt es dieser von mir einst vergötterten Band tatsächlich, an alte Stärken anzuknüpfen; zugleich gibt es auf Remember Who You Are aber so wenig Neues zu hören, dass man wohl auch künftig lieber die 90er-Jahre-Scheiben auflegen wird.

Natürlich: Die musikalischen Tiefen, in die Jonathan Davis & Co. ab Untouchables (2002) vorgedrungen sind – wobei immer wieder einzelne tolle Tracks auf den Platten waren – scheinen weit entfernt. Aber Songs wie Oildale, Pop A Pill (trotz dem tollen Bassriff!) und Let The Guilt Go fehlt schlicht der letzte Funke Wahnsinn, der große Korn-Hymnen wie Ball Tongue, Shoots & Ladders, No Place To Hide oder A.D.I.D.A.S. geprägt hat. Ganz zu schweigen von dem dreckigen Dutzend an Ohrwürmern auf Follow The Leader, ihrem Über-Album.

Und somit liegt die größte Überraschung dieser Platte wohl darin, den (eigentlich immer etwas überschätzten) Klassiker Issues aus 1999 auf Platz 5 meiner Korn-Charts verdrängen zu können.

(5 Punkte)

Die Idee ist einfach zu gut: Die liebe @iwona_w, ihr wisst es, lud für den laufenden Monat ambitionierte Leute ein, um Tag für Tag eine interessante Buchrezension zu präsentieren. Mit Freude habe ich mich daran beteiligt, und mit noch mehr Freude habe ich die restlichen 14 Texte gelesen, die bis heute veröffentlicht worden sind.

Halbzeit also. Zeit für was Neues, dachte ich – und mit dem OK der lieben Ivy in der Tasche lade ich nun alle Musikliebhaber/innen, die ich über Twitter und Facebook erreichen kann (oder die schlicht zufällig auf diese Seite stolpern), ein, sich für August an der Aktion 31 Tage – 31 Platten zu beteiligen. Von Abba bis Zappa, von den Ramones bis zu den Backstreet Boys, von Lady Gaga bis Burzum ist alles erlaubt, was gut, schlecht, langweilig oder mörderisch tönt – solange es zum vorgegebenen Tagesthema passt:

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Mit Block Rockin’ Beats eroberten die Chemical Brothers 1997 die Welt. Nach dem lebensfrohen Exit Planet Dust (1995) hatten Tom Rowlands und Ed Simons mit Dig Your Own Hole ein atemberaubend cooles Album geschaffen – mit fünf Singles bei elf Tracks. 1999 ging Surrender einen ähnlichen Weg, dann folgte die Neuausrichtung. Come With Us (2002) war über weite Strecken Dancefloor pur, konnte aber noch halbwegs überzeugen. Push The Button (2005) und We Are The Night (2007) wiesen viele Gastsänger/innen auf, orientierten sich an modernen (Rap-)Sounds; jedoch klang das eher durchwachsen.

Mit Snow fahren die Soundtüftler nun ihren bisher schönsten Opener auf, wonach Escape Velocity die letzten 15 Jahre in zwölf Minuten durchläuft. Another World, Swoon und Wonders Of The Deep klingen nach 2002, Dissolve und Horse Power führen tief in die 90er, K+D+B setzt auf Drum’n’Bass. Further bietet acht Songs, mit denen das Duo, musikalisch auf höchstem Niveau, nach zehn Jahren wieder zum Träumen anstiftet.

(8 Punkte)