Mit drei Kurzrezensionen wurde dieses Blog vor 365 Tagen, am 7. Jänner 2010, auf die Welt losgelassen. Im Vorfeld standen mehr als eineinhalb Jahre des Nachdenkens „ob“, sowie ein gutes halbes Jahr, in dem ich mir gewisse Fertigkeiten anzueignen versuchte: HTML, PHP, CSS etc. Schlussendlich kam ich, in diesem Vorhaben mehr oder weniger kläglich gescheitert, auf das wunderbare WordPress-System, und die Sache war geritzt.

Neben dem (mad)-Blog, das eher „seriös“ ausgerichtet sein sollte, bestand einige Wochen lang auch das „Unterwegs“-Blog, in dem ich etwas mehr die Sau raus lassen wollte: Satiren, Glossen etc. Natürlich war das viel zu aufwändig, wie mir bald klar geworden ist – und „Unterwegs“ wurde von (mad) geschluckt. Im Frühjahr, als ich mich nach langem hin und her dazu durchgerungen hatte, wieder an die Uni zu gehen und mich einer höheren geistigen Herausforderung zu stellen, setzte ich auf die Idee eines „Leseblogs“ – [mad vs. Spengler] –, das sich jedoch ebenfalls als viel zu ambitioniertes Projekt heraus stellte. Bloggen, so fand ich in den ersten sechs Monaten heraus, das bedeutet auch und vor allem einmal: lernen.

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Sex, Drugs und Techno spielen auch in I Am Airen Man des unter diesem Pseudonym bekannten Ex-Bloggers eine große Rolle, der in der aktuellsten Verwertung seines Stoffs Mexiko unsicher macht. Kommt das übertrieben als „Roman“ bezeichnete, dünne Werk zunächst, mit dem Rückblick an Airens frühe Studentenzeit, nur schwer in Gang, so entwickelt sich der in drei Abschnitte und viele Kapitel gegliederte Text mit der Ankunft in Übersee in eine doch interessante Richtung: Der Protagonist ist nicht mehr (nur) dauerhaft breit, und die Befriedigung seines sexuellen Appetits wird auch nicht mehr wie in Strobo vielzeilig und detailliert dargelegt – wenngleich auch Liebhaber dieses Airen auf ihre Kosten kommen. Vielmehr öffnet sich die Fassade, die in dem (dank Helene Hegemann) nicht ganz erfolglosen Erstling konstruiert wurde: Airen lernt zu lieben, wird erwachsen und kehrt, in jeder Hinsicht, zurück nach Hause. Ein bürgerliches Leben traut man der Kunstfigur jedoch noch nicht zu. Da ginge noch was.

(7 Punkte)

Das Urteil über Helene Hegemanns Roman fällt nach der Lektüre noch vernichtender aus, als zu erwarten war. Natürlich kann man das Buch nur in dem Bewusstsein lesen, dass weite Teile von Airens Strobo abgeschrieben sind, und das schürt auch Vorurteile gegenüber den allgemeinen Handwerksqualitäten dieser Autorin. Aber nach all der Lobhudelei in den Feuilletons und der trotz Aufdeckung des Schwindels hohen Anzahl an verbliebenen Fürsprecherinnen und Fürsprechern des Werks (und der Kompilatorin) war doch erwartbar, dass man sich da täusche. Njet: Über weite Strecken setzt sich die holprige Geschichte nur aus einer Aneinanderreihung von Schimpftiraden zusammen, die mal von einem Sex-Szenchen, mal vom Konsum einer Prise Kokain, ein anderes Mal von verstümmelten Songtexten durchbrochen werden. Die Handlung lässt sich erahnen, aber kaum wiedergeben: Mutterkomplex, Vaterhass, Inzuchtverdacht, Liebeskummer und Rückblenden münden im Chaos. „[G]roße, unvergessliche Literatur“: Satire, Herr Biller?

(3 Punkte)

Neben dem Fall Hegemann, zu dem es hier bald mehr zu lesen gibt, kam mir bei der Lektüre von Airens Buch immer wieder Trainspotting in den Sinn. Danny Boyles Kultfilm (nach dem Roman von Irvine Welsh) erzählte schon 1996 die Geschichte junger Menschen zwischen Lebenslust und Todestrieb. Harte Drogen gaben den Tagesablauf vor, und trotzdem es sich um einen Haufen armer, selbstsüchtiger Versager handelte, fühlte man sich mit ihnen verbunden. Der sensationelle Soundtrack schließlich machte aus einem sehr guten einen tollen Film.

Ähnlich empfand ich Strobo: Obwohl der Autor auf 160 Seiten praktisch nur den Missbrauch seines Körpers und seiner Seele durch Drogen und Sex preisgibt, hält die Mischung aus Ekel und Faszination den Leser wohlwollend am Ball. Kurzweilig werden Entzugsversuche geschildert, werden Leidenschaften für Literatur und Musik dargelegt, wird eine Szene, ach: der Geist einer Generation erlebbar. Und den eindringlich beschriebenen (Techno-)Sound kann man beinahe heraushören.

(6 Punkte)