Sex, Drugs und Techno spielen auch in I Am Airen Man des unter diesem Pseudonym bekannten Ex-Bloggers eine große Rolle, der in der aktuellsten Verwertung seines Stoffs Mexiko unsicher macht. Kommt das übertrieben als „Roman“ bezeichnete, dünne Werk zunächst, mit dem Rückblick an Airens frühe Studentenzeit, nur schwer in Gang, so entwickelt sich der in drei Abschnitte und viele Kapitel gegliederte Text mit der Ankunft in Übersee in eine doch interessante Richtung: Der Protagonist ist nicht mehr (nur) dauerhaft breit, und die Befriedigung seines sexuellen Appetits wird auch nicht mehr wie in Strobo vielzeilig und detailliert dargelegt – wenngleich auch Liebhaber dieses Airen auf ihre Kosten kommen. Vielmehr öffnet sich die Fassade, die in dem (dank Helene Hegemann) nicht ganz erfolglosen Erstling konstruiert wurde: Airen lernt zu lieben, wird erwachsen und kehrt, in jeder Hinsicht, zurück nach Hause. Ein bürgerliches Leben traut man der Kunstfigur jedoch noch nicht zu. Da ginge noch was.
(7 Punkte)
Das Urteil über Helene Hegemanns Roman fällt nach der Lektüre noch vernichtender aus, als zu erwarten war. Natürlich kann man das Buch nur in dem Bewusstsein lesen, dass weite Teile von Airens Strobo abgeschrieben sind, und das schürt auch Vorurteile gegenüber den allgemeinen Handwerksqualitäten dieser Autorin. Aber nach all der Lobhudelei in den Feuilletons und der trotz Aufdeckung des Schwindels hohen Anzahl an verbliebenen Fürsprecherinnen und Fürsprechern des Werks (und der Kompilatorin) war doch erwartbar, dass man sich da täusche. Njet: Über weite Strecken setzt sich die holprige Geschichte nur aus einer Aneinanderreihung von Schimpftiraden zusammen, die mal von einem Sex-Szenchen, mal vom Konsum einer Prise Kokain, ein anderes Mal von verstümmelten Songtexten durchbrochen werden. Die Handlung lässt sich erahnen, aber kaum wiedergeben: Mutterkomplex, Vaterhass, Inzuchtverdacht, Liebeskummer und Rückblenden münden im Chaos. „[G]roße, unvergessliche Literatur“: Satire, Herr Biller?
(3 Punkte)
Neben dem Fall Hegemann, zu dem es hier bald mehr zu lesen gibt, kam mir bei der Lektüre von Airens Buch immer wieder Trainspotting in den Sinn. Danny Boyles Kultfilm (nach dem Roman von Irvine Welsh) erzählte schon 1996 die Geschichte junger Menschen zwischen Lebenslust und Todestrieb. Harte Drogen gaben den Tagesablauf vor, und trotzdem es sich um einen Haufen armer, selbstsüchtiger Versager handelte, fühlte man sich mit ihnen verbunden. Der sensationelle Soundtrack schließlich machte aus einem sehr guten einen tollen Film.
Ähnlich empfand ich Strobo: Obwohl der Autor auf 160 Seiten praktisch nur den Missbrauch seines Körpers und seiner Seele durch Drogen und Sex preisgibt, hält die Mischung aus Ekel und Faszination den Leser wohlwollend am Ball. Kurzweilig werden Entzugsversuche geschildert, werden Leidenschaften für Literatur und Musik dargelegt, wird eine Szene, ach: der Geist einer Generation erlebbar. Und den eindringlich beschriebenen (Techno-)Sound kann man beinahe heraushören.
(6 Punkte)
Krankenstand bringt Fernsehzeit: Nachdem die DVD lange im TV-Kastl rumlag, hab ich’s nun geschafft, die Verfilmung von José Saramagos Stadt der Blinden (R: Fernando Meirelles) anzuschauen. Das vor Jahren gelesene Buch des Schriftstellers im Hinterkopf, ging ich die Sache kritisch an, kann aber uneingeschränkt sagen: Der Film ist gelungen! Selten sah ich eine so respektvoll an die Vorlage angelehnte Adaption. Zur Handlung: Eine neue Art von Blindheit – Betroffene sehen ein blendendes Weiß – wütet in einer namenlosen Stadt. Die Seuche ist ansteckend, Erkrankte werden unter menschenunwürdigen Umständen eingesperrt. Nur die Frau eines infizierten Augenarztes ist immun – sie täuscht ihre Blindheit vor und sichert ihm das Überleben. Trotz dem gemeinsamen Leid obsiegt nämlich in der Gefangenschaft nicht die Solidarität: Saramago thematisiert die Frage der Moral, wenn einen keiner beobachten kann – und man sich nicht im Spiegel sehen muss. In dieser Situation tun sich menschliche Abgründe auf.
(8 Punkte – für das Buch wie für den Film)
Da hat der gute Chuck einen Rohrkrepierer abgeliefert: Das Unheimliche, das sich angeblich auf der Insel Waytansea abspielt, regt mehr zum Gähnen an, denn zum Fürchten. Dabei beginnt es nicht weniger skurril als andere Palahniuk-Bücher: Einsamkeit, Selbstmord, Fäkalien und die Alltagsprobleme eines vermeintlichen Durchschnittsmenschen thematisiert der Autor ganz nebenbei, während er – wie man später erfährt in Form des Tagebuchs der zentralen Protagonistin –, die gescheiterte Beziehung eines nicht ganz durchschnittlichen Paars nachzeichnet. Sie, Misty, träumte davon, eine große Malerin zu werden; heute putzt sie Hotelzimmer. Er, Peter, befreite sie während des Studiums an der Kunstschule aus einer lebensfeindlichen Umwelt und machte sie zu seiner Frau; nun liegt er nach einem missglückten Suizid im Koma. Was ihr naturgemäß keine Ruhe lassen kann und sie auf die Spur eines grausamen Komplotts führt. Diese Fährte sollte man Misty jedoch alleine verfolgen lassen: Das Buch ist großer Mist.
(2 Punkte)