Der Mensch ist unperfekt, and so am I. Nachdem ich einige hochtrabende Rezensionen gelesen und einen euphorischen Fernsehbeitrag gesehen hatte, brauchte es nicht mehr viel, um mich in die nächste Buchhandlung zu treiben. Schon während des Weihnachtsgeschäfts war ich immer wieder an diesem Buch vorbei gelaufen, doch stapelten sich zu jener Zeit andere Dringlichkeiten auf meinem Schreibtisch. Schließlich überzeugte mich ein unerwarteter Tweet davon, dass ich mir „den Rachman“ krallte.
Doch nun sitze ich hier, ich unperfekter Leser, vor diesem zu 5/8 gelesenen unperfekten Buch eines unperfekten Autors (samt unperfekter Übersetzung). Wann habe ich zuletzt einen Roman aufgegeben? Ich glaube, das war der Dan-Brown-Mist vor sechs, sieben Jahren. Wenngleich Die Unperfekten dagegen in vielerlei Hinsicht perfekt ist. Um es kurz zu machen: Unperfekte Handlung, unperfekte Figuren, unperfekte Logik menschlichen Agierens. Und eine unperfekte Kurz-Rezension, versteht sich. Den Buchinhalt gibt’s hier.
(4 unperfekte Punkte für das bereits gelesene Unperfekte)
ACHTUNG: Wer sich für diesen hier nur unnötig rumliegenden Briefbeschwerer ernsthaft interessiert, bekommt ihn geschenkt. Gegenleistung: Eine ernsthafte, gutgemeinte Buchempfehlung, die für mich NEU sein könnte. Also nix Moby Dick oder Don Quijote, auch kein Max Frisch, Jörg Fauser, Daniel Kehlmann oder Thomas Glavinic. Bin gespannt auf eure Postings. Das mit dem größten Mehrwert gewinnt. (Der/die potenzielle Sieger/in sollte seine Mailadresse hinterlassen.) Zur leichteren Orientierung siehe hier, da und dort. DANKE!
Eigentlich reicht das Vorwort, in dem Amy Chua schreibt, ihre Geschichte „hätte davon handeln sollen, dass chinesische Eltern bessere Pädagogen sind als westliche. Stattdessen erzählt sie von einem bitteren Kulturkonflikt, einer kurzen Kostprobe vom Ruhm und von meiner Demütigung durch eine Dreizehnjährige“.
In der Tat geht es weniger um die Erziehung ihrer Töchter, als um eine unangenehme Persönlichkeitsschwäche der Autorin. Wenn Chua zeigt, wie die beiden von frühester Kindheit an täglich stundenlang nur Klavier bzw. Violine üben, sie ihnen keinerlei Vergnügen gönnt, die Mädchen als „Abfall“ beschimpft und dabei berichtet, wie sie selbst an ihre Grenzen geht – ich, ich, ich! –, wird klar wer glaubt, sich beweisen zu müssen.
Stilistisch mangelhaft wird angesichts Chuas Biographie – sie lehrt Jus in Yale – ebenfalls bald deutlich, dass hier ein geplanter Skandal in Form missglückter Satire vorliegt. Irreführender (Unter-)Titel, stellenweise unterhaltsam, für Europäer kaum provozierend.
(5 Punkte)
Amy Chua zum Schnelleinstieg: „Why Chinese Mothers are Superior“ im Wall Street Journal.
Emmi und Leo, die Zweite. Von vielen Schreibenden und Lesenden verächtlich abgetan, zeigt sich bei der Lektüre von Alle sieben Wellen – der Fortsetzung von Gut gegen Nordwind – wieder sehr schnell, warum der Autor umso mehr Lesende und Schreibende zu beglücken vermag: Witz, Esprit, Emotionen – Daniel Glattauers Bücher bieten reichlich davon.
Nachdem das erste E-Mail-Abenteuer ein etwas plötzliches (wenngleich geniales!) Ende fand, tun die zwei Fernliebenden ihren Fans den Gefallen und wagen einen neuen Anlauf. Werden sie diesmal zusammen kommen, oder steht Emmis Familie, steht Leos Arbeit nach wie vor im Weg?
Bis es darauf eine Antwort gibt, sind 200 kurzweilige Seiten zu durchwandern, die sich aufgrund der oft sehr raschen Abfolge der elektronischen Liebes-, Hass- und Freundschaftsbriefe allerdings rasend schnell lesen. Genau genommen an zwei Abenden, in meinem Fall. Wenn ich auch Glattauers Darum noch für eine deutliche Spur gelungener halte: Alle sieben Wellen macht wahnsinnig Spaß!
(7 Punkte)
Alex Garlands Der Strand habe ich vor zehn Jahren gelesen, nachdem ich den Film (The Beach) aus besonderen Umständen zwei Mal im Kino gesehen hatte. Von der Geschichte bin ich noch heute begeistert – und den Film (Regie: Danny Boyle) würde ich mir wohl noch das eine oder andere Mal anschauen. Als ich kürzlich Das Koma im Buchabverkauf fand – ein Kurzroman, der mich schon lange interessiert hatte und den die FAZ als „Meisterwerk!“ bezeichnete –, griff ich zu. Und wurde ziemlich enttäuscht.
Die Geschichte dreht sich um einen Mann namens Carl, der von Unbekannten ins Koma geprügelt wird. Als er nach einigen Tagen wieder zu sich kommt, stellt er unangenehme Veränderungen in seiner Umwelt fest – vielleicht auch nur in seiner Wahrnehmung, wie Carl irgendwann überlegt. Oder: Ist er eventuell noch gar nicht aufgewacht? Dieser Frage geht der Protagonist in öden Worten – liegt es nur am Übersetzer? – und pseudophilosophischen Gedankengängen nach. Vom „Meisterwerk“ keine Spur. Aber: schöne Bilder.
(2 Punkte)
Autoren im Selbstverlag werden erst einmal schräg angeschaut. Wenn man aber mit (bekannten) Schriftstellern spricht, erfährt man, dass die Verlagssuche eben nicht einfach ist. Und dass sich auch in Bestsellerlisten Mist findet, wissen wir alle. Ein Selbstverlag ist also nichts Schlechtes; er bietet sogar neue Chancen, wenn man – wie Richard K. Breuer, der ein künstlerisches Großkonzept abarbeitet – auf moderne Webtechnologien setzt.
Das vorliegende Buch ist der erste Band einer Reihe historischer Kriminalromane, die um die Französische Revolution angesiedelt sind. Man lernt ordentlich etwas bei der Lektüre, die durch Fußnoten, seitenweise Anmerkungen und ein Quellenverzeichnis ergänzt wird. Mittelpunkt ist die Werdung des titelgebenden Helden, der auf der Suche nach seinen Wurzeln ist – und sich damit in große Gefahr begibt. Abgesehen von der wunderschönen Aufmachung beeindruckt der Roman durch Wortwitz, raffinierte Wendungen, tolle Dialoge und, essentiell für den Krimi: viel Spannung.
(8 Punkte)
Richard K. Breuer ist von heute, 18., bis Sonntag, 21. November, auf der Wiener Buchmesse anzutreffen. Stand 732, gegenüber der Messebuchhandlung. Mehr zum Autor und seinem erfreulichen Werk gibt es hier.