An der Uni Wien habe ich vor Jahren ein Proseminar besucht, indem es um das Judentum ging. Als Jörg Haider in jenen Tagen seinen legendären rhetorischen Ausritt gegen Ariel Muzicant beging, den Präsidenten der Israelischen Kultusgemeinde Wien, nannte der vortragende Professor ihn ob dessen andauernden Jonglierens mit antisemitischen Klischees ein Schwein. Einige Wochen später sollten wir dem Lehrveranstaltungsleiter schriftlich Rückmeldung ob unserer Zufriedenheit mit seiner Arbeit geben, was natürlich auch anonym möglich war; und, klar, zumindest eine Stellungnahme zur Chose war mit dabei: Es ginge nicht an, einen (renommierten) Politiker solcherart zu beschimpfen – bei aller gerechtfertigten inhaltlichen Kritik. Was machte der Professor? Er wiegte seinen Kopf, er strich sich über seinen Schnurrbart und stimmte dem Kritiker zu – nur um sogleich festzustellen, dass ein Schwein nun Mal einfach ein Schwein zu nennen sei. Punktum.
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31 Tage – 31 Bücher
Jul 1
Nicht ganz uneigennützig möchte ich auf die heute startende Blogger-Aktion unter diesem Motto aufmerksam machen: 31 literaturbegeisterte Blogerinnen und Blogger nehmen sich über den ganzen Juli hinweg jeweils eines Buchs an und lassen ihren Gedanken dazu freien Lauf. „Ein Buch, das dich an jemanden erinnert“, oder eines, „bei dem du nur lachen kannst“: Diese und weitere 29 spannend-unterhaltsame Aufgabenstellungen gab es bis vor Kurzem auf Ivy machts net zur Auswahl. Ein Haufen Büchernärrischer hat sich drum gerissen – und ich lege all meinen Lesern ans Herz, in den nächsten viereinhalb Wochen immer wieder einmal einen Blick auf Iwonas Seite zu werfen.
Mein Beitrag sollte dann planmäßig am Sonntag, den 4. Juli, online gehen: Ich werde euch am Independence Day über mein „Hassbuch“ aufklären. Mit bestem Dank an die Koordinatorin und einer speziellen Twitter-Empfehlung: Folgt @iwona_w!
(Edit: Mein Artikel steht mittlerweile bei Ivy online und ist, samt weiteren Infos zur Aktion, auch hier abrufbar.)
Einen günstigeren Zeitpunkt für diese Buchveröffentlichung hätte es kaum geben können: Just als sich Mitte März die bis heute aktuelle Kirchenkrise einem ersten Höhepunkt näherte – der dringenden Frage, ob vielleicht sogar der heutige Papst Fälle von priesterlichem Kindesmissbrauch gedeckt hat –, kam Wolfgang Bergmanns Romanerstling Die kleinere Sünde heraus. Ein Glücksfall für den Autor und seinen Verlag, denn so etwas lässt sich schlecht planen, wenn man die Vorlaufzeiten einer ordentlichen Buchproduktion bedenkt. Der Hinweis auf dem Buchumschlag, dass die vorliegende Handlung „frei erfunden“ sei, „soweit sie nicht auf Tatsachen beruht“, kann allerdings nicht von der Vermutung eines Schlüsselromans ablenken, in dem – einmal mehr, einmal weniger offensichtlich – in reale Skandale verwickelte Personen beschrieben sind. „Im Grunde sind Bücher etwas für den Nachlass“, heißt es in diesem Sinn bereits auf der ersten Seite, „du machst dir nur Schwierigkeiten, wenn du publizierst, solange du lebst. Alle, die du kennst, werden versuchen, sich wiederzufinden.“
Man kann bei Markus Köhles Dorfdefektmutanten an die Piefke-Saga denken und liegt damit gar nicht so falsch, denn auch in diesem „Heimatroman“ geht es um den Blick hinter die Kulissen des Tourismuswahns.
Der Held der Geschichte kehrt, nachdem er am Studium in Wien gescheitert ist, in seinen Heimatort zurück, wo er sich als Hausmeister in einer Autobahnraststätte verdingt. Der aktuellen Geschehnisse gibt es wenig erwähnenswerte, der Protagonist hängt vielmehr seiner Jugend(liebe) nach, die er mit dem besten Freund Klaus teilte. Mit dem Leben als Fachmann für alles – Reparaturen in Haus und Hof, Schneeschippen, die Versorgung gestrandeter Snowboarder – hat er sich arrangiert, Hobbys gibt es vor allem zwei: Internetkontakte und das Fotografieren der von Gästen verunreinigten Toiletten.
Sex, Drugs und Techno spielen auch in I Am Airen Man des unter diesem Pseudonym bekannten Ex-Bloggers eine große Rolle, der in der aktuellsten Verwertung seines Stoffs Mexiko unsicher macht. Kommt das übertrieben als „Roman“ bezeichnete, dünne Werk zunächst, mit dem Rückblick an Airens frühe Studentenzeit, nur schwer in Gang, so entwickelt sich der in drei Abschnitte und viele Kapitel gegliederte Text mit der Ankunft in Übersee in eine doch interessante Richtung: Der Protagonist ist nicht mehr (nur) dauerhaft breit, und die Befriedigung seines sexuellen Appetits wird auch nicht mehr wie in Strobo vielzeilig und detailliert dargelegt – wenngleich auch Liebhaber dieses Airen auf ihre Kosten kommen. Vielmehr öffnet sich die Fassade, die in dem (dank Helene Hegemann) nicht ganz erfolglosen Erstling konstruiert wurde: Airen lernt zu lieben, wird erwachsen und kehrt, in jeder Hinsicht, zurück nach Hause. Ein bürgerliches Leben traut man der Kunstfigur jedoch noch nicht zu. Da ginge noch was.
(7 Punkte)