So klein die Welt
Dez 19
Freitagabend, Weihnachtsgetümmel, Tausende auf dem Weg. Fluchtgedanken: Musik im Ohr: Cut Like A Buffalo. Als dich plötzlich dieser Kerl anstarrt, steigt deine Laune nicht unbedingt. Du willst dich schon wegdrehen, als du, spät aber doch, unter der dicken Pudelmütze, hinter dem hochgeschlagenen Mantelkragen, deinen guten Freund erkennst. Der eigentlich tausende Kilometer entfernt, in London sein sollte. Und sich nun hier in Wien antreffen lässt, wo er für lausige 24 Stunden zu Gast ist. Du erkennst nun auch, bei wem – er hat seine Schwester im Schlepptau, die Gute.
Freude!
Lange ist es her, doch sofort ist alles beim Alten. Man tauscht die aktuelle Lebenssituation aus (der eine ist verheiratet, der andere Vater – das ist nichts Neues, aber birgt hohes Geschichtenpotenzial). Man erläutert die politischen Verhältnisse da wie dort. Und landet schließlich genau da, wo man irgendwann, vor Ewigkeiten, am engsten miteinander war: in der Schule. Was dieser, was jene mache? Ob diese, ob jener gut gealtert ist? Die Band damals – wir waren so gut! (Wir waren SO gut!!!)
Der Abschied, viel zu bald. Eine Stunde nur und dann: Auf Wiedersehen, alter Freund!
(Auf Wiedersehen!)
Gedanken zur Bettelei
Dez 11
Ich habe mich nie an die Bettlermasse in Wien gewöhnt. Vielleicht braucht man, vom Land kommend, auch mehr als eine lausige Dekade, um sich mit dem Elend dieser Männer, Frauen und Kinder abzufinden. Natürlich: Viele der Bettelnden in unserer Stadt haben es immer noch besser als jene Kinder, die etwa in Buenos Aires kurz nach der Abenddämmerung aus allen Ecken herbei strömen und die Mülltonnen nach Essbarem oder Spielsachen durchwühlen. Dennoch gibt einem die Not dieser Menschen in einem der reichsten Länder der Welt gerade in der Vorweihnachtszeit sehr zu denken. Es betrübt, dass man ihnen nicht allen helfen kann.
Vor wenigen Tagen, als mich eine junge Frau in der U-Bahn um Geld bat (ich bin ihrem Wunsch nicht nachgekommen und wurde heftig verflucht), ist mir aufgefallen, wie selten ich zuletzt in diese Situation gekommen bin. Zieht das Wiener Bettelverbot dermaßen gut? Haben bedürftige Wienerinnen und Wiener, haben unterstützenswerte Gäste dieser Stadt mittlerweile Angst vor den Konsequenzen ihrer Hilfesuche? Wird seitens der Bessergestellten fleißig denunziert und der Polizeiapparat zur Unterstützung gegen die unangenehme Bedrohung angefordert? – Bis vor eineinhalb, vielleicht zwei Jahren bin ich jedenfalls auch deutlich öfter in den Genuss musizierender Gruppen in der U-Bahn gekommen. Nicht immer war das schön anzuhören – aber meist unterhaltsam. Nicht immer habe ich etwas gegeben, wenn der Hut oder Kaffeebecher herum ging – aber dennoch stets in freundliche Gesichter geblickt.
Der „Trick“ mit der Rose zog auch längst nicht mehr bei mir, wenngleich die Mädels und Jungs auf der Mariahilfer Straße allesamt erstaunlich traurig schauen können. Direkt neben dem Bankomaten zu sitzen und grimmig-fordernd – aber stumm – die Geld behebenden Menschen zu beobachten stellt meiner Meinung nach auch keine besonders gute Strategie der Bettelei dar. Am liebsten gab ich immer, wenn der empfangende Mensch sichtbar versuchte, auf irgendeine kreative Weise Aufmerksamkeit zu erregen: Das Aufspielen mit einem Instrument, der Verkauf von selbst gebastelten (wenngleich meist nutzlosen) Dingen, oder meinetwegen einer zwar an den Haaren herbei gezogenen, aber unterhaltsamen Geschichte. Aber was kann eine/r dafür, der/die kein solches Talent besitzt?
Sogar die Ehrlichkeit, sich mit dem abgebettelten Geld ein Bier kaufen zu wollen, habe ich immer wieder mit kleinen Gaben belohnt. (Nicht jedoch die geplante Investition in Zigaretten.) Wohingegen ich stets ein Problem mit bettelnden Jugendlichen hatte, die offensichtlich ihr ganzes Geld im Piercing-Studio oder dem Friseur-Salon ums Eck gelassen hatten und deren Ramones- oder „Punks Not Dead“-T-Shirt offensichtlich frisch aus dem nahen In-Store stammte – während ich etwa darauf hoffte, dass meine Turnschuhe bitte noch bis zum Ende des Sommers halten würden, weil sonst… (Das ist noch gar nicht so lange her.)
Eine Warnung sei an dieser Stelle angebracht: Wenn euch Nähe Westbahnhof bzw. Mariahilfer Straße eine langhaarige, dunkelblonde Frau um die 30 begegnet – gut gekleidet, durchschnittlich gut aussehend, mit fetter Make-up-Schicht –, die euch um ein, zwei Euro für ein Zugticket anhaut, dann ist das eine ganz große Lüge. Das Bettelverbot würde in diesem Fall aber kaum greifen: Sie ist durch und durch einheimisch und gehört definitiv keiner der oft zitierten „Bettlerbanden aus dem Osten“ an. Den Bettel-Schwindel betreiben die Österreicher/innen doch noch am liebsten selbst.
Ansonsten: Möge sich die Bettelei durch allumfassenden Wohlstand erübrigen, oder in ihren sympathischsten Ausprägungen die Stadt künftig wieder mit Leben erfüllen.
Frisch bejobbt…
Nov 30
Das schabernackhaft ausgezwitscherte Gerücht, ich würde bald einen lukrativen ORF-Posten besetzen, machte – obgleich sofort beeinsprucht! – seine Runden und brachte heute sogar eine entsprechende Anfrage aus familiärer Richtung. Deshalb gleich vorweg, nochmals, ein für alle Mal: Ich werde den Küniglberg beruflich weiterhin meiden. Der (mad) geht nicht zum ORF. Versprochen!
Der (mad), der in den vergangenen Monaten die Vor- und Nachteile echter Selbständigkeit ausreichend kennenlernte, als er mit Vergnügen durch die heimische Printlandschaft wilderte (u.a. Falter/Heureka, Atello, Die Presse), wird aber dennoch wieder sesshaft. Gut Ding braucht Weile, könnte man die Geschehnisse seit Ende Juli zusammen fassen, und dieses gute Ding soll nicht länger verschwiegen werden: Hauptberuflich werde ich ab Jänner 2011 für Die Furche tätig sein, wobei ich mich schwerpunktmäßig den Bereichen Innenpolitik und Bildung widmen darf. Mit Aussicht auf den einen oder anderen thematischen Seitensprung – das wird sich entwickeln. Einen ersten aktuellen Eindruck meiner (noch freien) Tätigkeit für die traditionsreiche Wochenzeitung, von der mir in Kindertagen schon Großmutter Legendäres zu berichten wusste, gibt es hier und da zu lesen. Und am kommenden Donnerstag, soviel sei verraten, gibt’s neuen Stoff von mir!
Allen, die mich in der jüngeren Vergangenheit unterstützt haben, sei’s mental oder durch den einen oder anderen Auftrag, möchte ich ein herzliches „Dankeschön!“ entgegen rufen. Und tue das hiermit: Mercie beaucoup!
Schlag nach bei Max Frisch
Nov 29
Ich mag die Schweizer – nicht zuletzt wurde ich in meinen frühen Wiener Tagen immer wieder selbst für einen gehalten. (Ja, das kann man sich zehn Jahre später gar nicht mehr vorstellen, ich weiß.)
Hier im Osten meinte man früher ohnehin, dass so gut wie alle Vorarlberger zum Hackeln in die Schweiz gingen. Es waren wohl auch einmal eine ganze Menge – aber so wie noch vor dreißig Jahren rentiert sich das heute nicht mehr. Mittlerweile werden die Österreicher dort zum Teil ja schon weggeschimpft: „Ihr nehmt uns unsere Arbeitsplätze weg“, das sei kein so seltener Vorwurf, wie ich mir habe sagen lassen. Von daher haben diese Vorarlberger Grenzgänger wohl einen Eindruck davon, was hierzulande Türken, Serben, Kroaten etc. durchmachen müssen. Unangenehm, aber nicht uninteressant.
Nun haben die Schweizer (ein Jahr nach dem Minarettverbot 2009) wieder einmal übers Ziel hinaus geschossen, in dem gestern die „Ausschaffung krimineller Ausländer“ in einer Volksabstimmung eindeutig befürwortet wurde. (Wenn man die 52,9 Prozent „Ja“-Sager in Relation zur Wahlbeteiligung von 52,6 Prozent sehen würde, wären es zwar nur noch gut 28 Prozent der Schweizer/innen, die so votierten, doch damit schafften wir auch die demokratischen Wahlwerkzeuge ad absurdum. Aber erwähnt soll es sein.)
Kern des Anliegens (den Wortlaut gibt es hier als PDF) ist, dass kriminelle Ausländer/innen – es geht vor allem um schwere Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung – künftig ohne wenn und aber des Landes verwiesen werden sollen. Samt Rückkehrverbot, versteht sich. Ob vor oder nach einem entsprechenden Gerichtsverfahren ist gar nicht so einfach heraus zu finden, aber darum wird sich das Gros der Befürworter/innen eher nicht kümmern – da sind Herr und Frau Schweizer manchem Gesinnungsgenossen hierzulande ähnlich.
Selbstverständlich will niemand Schwerverbrecher der erwähnten Art in seiner Nähe haben – „aus den Augen, aus dem Sinn“ scheint gar keine so schlechte Idee. Tatsächlich ist es halt so, dass für viele Bürger/innen die Gleichsetzung von Ausländer/innen mit Verbrecher/innen als zentrale Botschaft übrig bleibt. Sei’s drum: Hugh, ihr habt gesprochen.
Ich möchte an dieser Stelle an den guten alten Max Frisch erinnern, der stets so angenehm unschweizerisch-schweizerisch seine Heimat und deren ständige Insassen analysierte – und dabei das Folgende 1966 unter dem Titel „Fremdenhaß“ feststellte:
Fremdenhaß ist natürlich. Er entspringt unter anderem der Angst, dass andere in dieser oder jener Richtung begabter sein könnten; jedenfalls sind sie anders begabt, beispielsweise begabter in Lebensfreude, glücklicher. Das weckt Neid, selbst wenn man der Bessergestellte ist, und Neid ist erpicht auf Anlässe für Geringschätzung. Man ist tüchtig, aber nun zeigt sich, daß andere es auch sind: aber ohne die Missmutigkeit, die wir nördlich der Alpen als Voraussetzung oder schon als Beweis von Tüchtigkeit zu betrachten gewohnt sind. Daß die Südländer schmutzig sind, das ist eine Hoffnung, dann sind wir, wenn wir in dieser Welt nicht singen, dafür wenigstens sauberer; aber nicht einmal diese Hoffnung bestätigt sich ohne weiteres: ein Landarzt versichert mir, dass die Italiener, im Gegensatz zu einheimischen Kunden, mit gewaschenen Füßen kommen. Von Rassenhaß in der Schweiz, wie es in italienischen Zeitungen heißt, würde ich nicht sprechen; Fremdenhaß genügt. Das ist keine Ideologie, sondern ein Reflex. (…) Insofern ist jede Messerstecherei eigentlich willkommen; da sieht man’s wieder, daß man besser ist. (…) Aber auch wenn die Fremden, wie es sich für Fremde gehört, sehr brav sind, etwas bleibt schwierig: sie sind da. (…) Die Konfrontation mit einer anderen Lebensart, das irritiert jenes Selbstbewußtsein, das der Einzelne bezieht aus dem sakrosankten Eigenlob eines nationalen Kollektivs.
Max Frisch, Überfremdung 2. In: Öffentlichkeit als Partner, Edition Suhrkamp 209. Zitiert nach: Max Frisch, Stich-Worte. Ausgesucht von Uwe Johnson. Suhrkamp Taschenbuch 2728, S. 187 ff.
(Und dass ja keiner auf die Idee kommt, eine Initiative zur „Ausschaffung krimineller Ausländer“ hätte bei uns keine Chance.)
Sonnweh
Nov 28
Obgleich es Ende November und, wie ich mit ehrlicher Überraschung feststellte, bereits der erste Adventsonntag ist, empfinde ich den plötzlichen Wintereinbruch als unwillkommene Zumutung. Oh weh, oh weh. Weh mir!
Da steh ich nun, ich armer Tor, und friere mehr als je zuvor.
Und quäle mich selbst mit dem Schafmann.