Eine Platte, die Pixi aka @windprincess derzeit rauf und runter spielt: LCD Soundsystem – This Is Happening (2010)

Musikalische Explosionen

Ein paar Beats, eine zerbrechlich wirkende Stimme: „Except the worst it happens every night.“ – James Murphys Sprechgesang ist leise, der Beat minimalistisch. Ein bisschen wie in Trance, einschläfernd. Doch dann eine Explosion, ein Schrei: „Don’t you want me to wake up?“ Und der Song Dance Yrself Clean kommt zu seinem Höhepunkt. Das neue LCD Soundsystem-Album This Is Happening ist erwacht. Auf den psychedelischen Sprechgesang folgt eine Dance-Nummer: Drunk Girls. Aufstehen, tanzen, mitsingen ‒ ein Partylied. Textlich etwas seicht, doch die Kombination aus Sound, Stakkato-Piano und Gesang lässt darüber hinwegschauen. Generell sind Murphys Texte umstritten, da sie sehr repetitiv sind. So auch in One Touch, wo er ständig diese eine Textzeile wiederholt: „One touch is never enough“. Ein Satz, der dann doch so stark wirkt, dass man ihn nicht oft genug hören kann.

Murphy kann jedoch auch sehr persönliche Geschichten erzählen, wie er in I Can Change beweist: „Love is a murderer (…) but I can change, if it helps you fall in love“. Ein Lied über das Biegen und Brechen der Liebe. Beinahe jeder Song lehnt sich an ein bereits dagewesenes Lied an – auf unterschiedliche Arten. Bei All I Want erinnert der Anfang mit dem Synthesizer stark an David Bowies Heroes, das Thema zieht sich durch den ganzen Song. Murphy schnappt sich einfach das Beste aus bereits dagewesenen Stücken heraus und verpackt es in seine eigenen Lieder: Anders, neuartig und unglaublich gut. Er spielt mit den verschiedenen Instrumenten und Beats, sodass man bei jedem Mal neu Hören wieder etwas anderes entdeckt, oder etwas Neues raushört. Ein unglaublich spannendes Album, von einem spannenden Menschen.

Murphy der Vorzeigehipster?

James Murphy ist eigentlich Musikproduzent, 2002 aber versuchte er sich als Musiker, gründete LCD Soundsystem und warf die Single Losing My Edge auf den Markt. Eine Mischung aus Dance, Punk und Disco ‒ so wird häufig seine Musik beschrieben. Der Musikmarkt feierte Murphy, er wurde zum Vorzeigehipster. Heute ist Murphy vierzig Jahre alt, hat bereits drei Alben mit LCD Soundsystem veröffentlicht und die Filmmusik zu der Komödie Greenberg (mit Ben Stiller) gestaltet. Doch das wirklich Spannende an diesem Mann ist, dass er fast alles selbst aufnimmt und einspielt. Seine Platten entstehen in einem Studio, abseits der Außenwelt, in dem er ganz alleine wohnt, um Musik zu machen. Fast die ganze Platte wurde von ihm im Alleingang produziert. Im ersten Moment ist man erstaunt, im zweiten Moment unglaublich beeindruckt. Jedes einzelne Lied auf This Is Happening ist ein Anspieltipp, zumindest meiner Meinung nach. Eine Platte die, so glaube ich, nie langweilig wird – wie so viel andere Platten, die man rauf und runter hört. Eine Platte, die zeitlos ist und eigentlich auch in keine Schublade gesteckt werden kann.

Laut Murphy ist es sein letztes Album mit LCD Soundsystem, und wahrscheinlich auch überhaupt als Musiker. Schade, aber auch verständlich, da es einen krönenden Abschluss seines Projektes darstellt. Doch wie wir alle wissen: Tausend schöne Worte können keine Musik beschreiben, also hört euch das Album selbst an.

Über die Autorin: Als Kind habe ich den Kassettenrekorder für mich entdeckt, und die alten Tapes meiner Schwester. Ich habe Musik aus dem Radio aufgenommen und meine eigenen Mixtapes zusammengestellt – natürlich mit Zwischenrufen von mir. In der Pubertät bin ich auf CDs gestoßen und habe Unmengen an Geld für eine kleinere Unmenge davon ausgegeben. Knapp 250 CDs sind mein. Irgendwann gab es alles digital, und seither ist auch meine Musiksammlung digitalisiert. Ein bisschen schade find ich das schon. CDs werden keine mehr gekauft, höchstens hin und wieder eine Platte ‒ wie die von LCD Soundsystem. Ich selbst höre gerne Musik und liebe David Bowie, Patrick Wolf und auch LCD Soundsystem. Auf meinem Blog kann man meine anderen Vorlieben in Bezug auf Film, Kunst und Essen nachlesen, auf Twitter den alltäglichen Wahnsinn.

LCD Soundsystem: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Ein Album, auf dessen Veröffentlichung sich Andi Novak sehr freut: Filou (tba)

Filou ist eine Wiener Indie-Pop-Band, die in den kommenden Monaten ihr erstes „richtiges“ Album veröffentlichen wird. Ihre Musik konnte man bereits bei vielen Auftritten zwischen B72 und Alberner Hafen hören. Ich kann nicht ganz unvoreingenommen über Filou schreiben, schließlich spielt mein alter Freund Christoph dort den Bass. Und manchmal das Keyboard. Generell sind die vier Wiener Indie-Popper ziemlich multitalentiert und tauschen auf der Bühne immer wieder die Instrumente.

Die Texte stammen vom Sänger Lukas Meschik. Die Stimmung vieler Lieder ist melancholisch, aber immer auch mit einem kleinen Augenzwinkern. So ist das Schmunzeln in den Gesichtern der KonzertbesucherInnen nicht zu übersehen. Filou übt sich nicht in Zynismus und wirkt – inbesondere im Vergleich mit anderen Indie-Pop-Bands – erfreulich unprätentiös. Nur die in manchen Liedern enthaltenden Seitenhiebe auf innenpolitische Verhältnisse wirken auf mich etwas altvaterisch – aber ich mag auch Alfred Dorfer nicht. Ansonsten gefallen mir die durchdachten und auf einem hohen prosaischen Niveau befindlichen Texte – Lukas Meschik hat nicht umsonst bereits zwei Romane (Jetzt die Sirenen und Anleitung zum Fest) veröffentlicht.

Die schlagzeugerischen Ergüsse, Gitarren-Riffs und die Gesanges-Kunst von Filou adjektivisch zu beurteilen fällt mir nicht zuletzt aufgrund meines musikalischen Unvermögens schwer. Mir g’fallts jedenfalls. Und wer sich ein eigenes Urteil bilden will, findet einige Hörproben auf der Bandwebsite und auf Myspace.

Das neue Album – der Titel ist selbst vertrauten Kreisen noch unbekannt – wird voraussichtlich im Frühjahr 2011 bei Problembär Records erscheinen, wo bereits namhafte Bands wie Der Nino aus Wien und Mob unter Vertrag stehen.

Über den Autor: Andreas Novak ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter sowie Freier Lektor. Mehr zu seinem Angebot gibt es hier, außerdem twittert der Mann auch.

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Andreas Habichers Lieblingsplatte: Der Nescafé-Sampler

Gleich vorweg, und damit keine Missverständnisse aufkommen: ich habe keine Ahnung von Musik. Ich kann nur in besonderen Ausnahmefällen den Leadsänger einer Gruppe benennen (etwa bei Bon Jovi) und mir fehlt das Gehör, um ein Hohes C von einem A zu unterscheiden. Macht nichts – so wie jeder mehr oder weniger klug über Bilder reden oder seine Autobiographie als Book on Demand im Internet an Freunde und Verwandte verhökern kann, kann auch jeder öffentlich und ohne schlüssige Begründung von Tocotronic, Anne-Sophie Mutter oder Lady Gaga schwärmen – oder eine völlig abseitige, überraschend kleine Silberscheibe von Nescafé – ja, Nescafé – zu seiner Lieblingsplatte erklären.

Irgendwann hat der allseits unbeliebte und doch kommerziell sehr erfolgreiche Nahrungsmittelgigant Nestlé einen Werbefilm in Kino- und Fernsehspots verwendet, in dem unterschiedliche Menschen aus aller Welt bei unterschiedlichen kommunikativen Tätigkeiten zu sehen sind. Unterlegt war der Spot mit einem New-Ethno-Lied (Panflöten!), aus dessen Text die eine oder andere Phrase direkt ins Gehirn von jungen, leicht lenkbaren Zuhörern (wie mir seinerzeit) fährt.

Nestlé hat seine Anwälte und versäumt nicht darauf hinzuweisen, dass alle Rechte an Musik und Text von Ilja Gort/Gort Muziek, sowie W. Leon Aguilar/EMI und Garry Bell/Jeff Wayne Music, sogar die Rechte der puren Benutzung oder des unentgeltlichen Verborgens, ausschließlich für den Schweizer Konzern reserviert sind. Also das Folgende bitte nicht zu kopieren, laut vorzulesen oder gar – gasp! – zu singen. Vorgetragen von einer sanft beruhigenden, mainstreamig glatten Frauenstimme in hoher, östrogengeschwängerter Tonlage, heißt es im Text:

You can be rich, with no money to spend

you can do everything, when you understand,

you can be mother, when you are a man,

open up, you know that you can

chorus:

Open your eyes, open your mind,

open your thoughts, don’t staybehind, open up…

The key is inside you, to open your mind,

you know what is out there, your heart can be blind.

Open your eyes, and open your mind,

open your thoughts, don’t stay behind

(chorus)

Erase all the borders, and start in your head,

open your mind, to thoughts seldom said,

open your eyes, and open your mind,

open your thoughts, and don’t stay behind.

(chorus)

open up open up … open up open up …

Bestimmt mit schriftlicher Genehmigung aus Vevey in der schönen Schweiz hochgeladen, ist der Clip auf Youtube zu finden.

Dass diese Platte, konkret eine CD mit nur einer Daumenlänge Durchmesser, meine Lieblingsplatte ist, hat zwei Gründe. Der erste ist die Schwierigkeit des Erwerbs: Damals nicht so leicht online zu finden wie heute, konnte man sie auch nirgendwo kaufen oder bestellen. Man musste das Video entweder aufzeichnen, wenn man die Werbung erwischte, oder zum richtigen Zeitpunkt ein Packerl Nescafé kaufen und die CD gratis dazubekommen. Ich bin aber kein Kaffeetrinker – ich habe im Leben vielleicht drei oder vier Tassen Kaffee versucht. Entsprechend selten kaufe ich Nescafé.

Zu meinem Glück gelangte wenige Jahre später eine Mitbewohnerin meiner damaligen Freundin und späteren Frau in den Besitz einer der Gratis-CDs und wusste nicht recht etwas damit anzufangen. (Sie singt übrigens – beruflich!) Als sie mein reges Interesse für das herumliegende Teil bemerkte, schenkte sie es mir kurzerhand. (Selbstverständlich ebenfalls mit schriftlicher Genehmigung aus der Schweiz. Wahrscheinlich.) Der zweite Grund: Musikgeschmack kommt und geht. Mal hört man Janet Jackson, mal HIM, und ein paar Jahre später findet man beide zum Kotzen. Aber glatte, entspannende Musik, zu deren Text man irgendwie wohlgefällig nicken kann, bleibt glatte, entspannende Musik und entspannt glatt auch heute noch.

Über den Autor: Andreas Habicher twittert als @ahabicher und übersiedelt sein Blog langsam, ganz langsam, Artikel für Artikel, hinüber auf http://misoskop.wordpress.com.

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Eine Platte, auf die Ivy immer wieder zurück kommt: Marilyn Manson – Mechanical Animals (1998)

We were neurophobic and perfect
The day that we lost our souls
Maybe we weren’t so human
If we cry we will rust
And I was a hand grenade
That never stopped exploding
You were automatic and
As hollow as the „o“ in god

Mechanical Animals von Marilyn Manson ist ein Album, das ich seit fast einem Jahrzehnt immer wieder höre. Besonders erinnert mich dieses Album an meinen damaligen Freund, der ein Marilyn-Manson-Fan war. Nicht, dass ich so gute Erinnerungen an ihn hätte, aber jede Erfahrung im Leben bringt einen bekanntlich weiter. Ich hab auch einige Male live erlebt, was Manson so auf der Bühne macht. Schräger Typ. Mittlerweile finde ich ihn nicht mehr so super wie früher; liegt vielleicht daran, dass es musikalisch mit ihm nach Mechanical Animals – meiner Meinung nach – bergab ging.

Ich mag das Album deshalb so gern, weil dort so viel unterschiedliche Musik drauf ist. Rockig, poppig, ein bisschen dies, ein bisschen das. Was ich an Marilyn Manson aber am meisten schätze und geschätzt habe, sind seine genialen Texte, die sehr sozialkritisch und politisch sind. Ich mag auch seine Stimme, die sehr variabel ist und die verschiedenen Musikelemente die er einbaut. Erst später, viele Jahre später, als ich begann, Depeche Mode zu hören, wurde mir bewusst, wieviel Marilyn Manson sich von Depeche Mode abgeschaut hat. Es ist fast kaum zu glauben, weil es selten Leute gibt, die beide Bands hören. Es erinnert mich an die Unbeschwertheit meiner Jugend, den politischen Statements, die man als Jugendlicher versucht mit seiner Musik zu setzen. Man versucht anders zu sein. Musik als Identifikationsmittel. Als Abgrenzung zu den anderen. Zu den Ravern, den Punks, den Strebern. Was weiß ich.

Mein absoluter Lieblings-Song auf der Platte ist Coma White. Das Video allein schon ist einfach toll. Ein irgendwie melancholisches Stück, das nach Antichrist Superstar seine weiche Seite zeigt. Angeblich war Marilyn Manson zur Zeit der Entstehung des Albums verliebt und benannte es deshalb so, weil ihm viele Leute so vorkamen, als hätten sie keine Gefühle und wären wirklich mechanische Tiere, die nur funktionieren. Das kennt irgendwie doch jeder von sich selber: Wenn man besonders sensibel ist, kommen einem die anderen immer extrem unsensibel vor. Ich stehe jedenfalls schon seit einer Ewigkeit auf dieses Album. Ich liebe es einfach. Kann mir meine persönliche Geschmacksentwicklung im musikalischen Sinn kaum ohne dieses Album vorstellen.

Über die Autorin: Ivy bloggt, schreibt auf Twitter über den täglichen Wahnsinn und studiert, arbeitet und lebt in Wien. Life is a bitch!

Marilyn Manson: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Eine echt wunderbare Platte von Florian Alleschs Hassband: Ratet mal…

Nachdem sich gerade an diesen thematisch „schweren Brocken“ bis zum Ende kein(e) Freiwillige(r) wagen wollte, hab ich diese doch etwas schwierige Aufgabe kurzfristig, aber dann doch gerne, übernommen – so als Aufwärmübung für meine Herzensangelegenheit, „das Cover“, an Tag 18 ;-)

Bei der Suche nach einer passenden Platte zu dieser Aufgaben stellt sich ja schon die Definition der „Hassband“ als äußerst schwieriges Unterfangen dar. Im Prinzip beschäftigt man sich ja meist mit Musik, der man eigentlich eher zugetan ist, und die Definition der mir eher unangenehmen Musikgruppen aus Film, TV und Radio – also aus dem Bereich eher indirekter Beschäftigung – als „Hassband“ erscheint mir deutlich zu oberflächlich. Auch gesunder Hass sollte eine gewisse Intensität der Auseinandersetzung als Grundlage haben („qualitativ hochwertiger Hass“ sozusagen). Neben dieser Problematik werde ich mir allerdings an dieser Stelle verkneifen, mich näher mit der grundsätzlichen Schwierigkeit der überzogen scharfen sprachlichen Wertigkeit von „Hass“ im Zusammenhang mit einer Nebensache (Aufschrei des Musikliebhabers in mir) im Allgemeinen auseinanderzusetzen – ich werde das Ganze jetzt einfach nur als „deutliche Abneigung“ definieren.

Ich will mich also mit einem Album einer Band beschäftigen, die mir aus heutiger Sicht in Beurteilung ihrer Szene-Positionierung, ihrer lyrischen Inhalte, ihrer Geschichte als auch insbesondere ihres teilweise wenig niveauvollen Auftretens im Allgemeinen nicht zusagt, bzw. schon oft Objekt kritischer Kommentare von meiner Seite war. Diese Band hat nicht nur diverse Anbiederungen an den rechten Rand der Rockszenerie, rüpelhaftes Verhalten, diverse inhaltlich inakzeptable Texte oder auch Aussagen auf ihrer Kappe, sie hat sich vor allem auch nicht wirklich gebessert und ist auch als inzwischen erwachsene Gruppe gestandener Herren eine Truppe, die bei mir gewisse Zweifel hinterlässt – was mir insbesondere im Bezug auf die immer noch vorhandene Wirkung von Musik und Texten auf junge Zielgruppen Sorge bereitet.

Der wenig ruhmreiche aktuelle Status der Band-Skandale – nach einem eigentlich geglückten Band-Ende mit großer Final-Tour– ist leider ein Alko-Fahrerflucht-Prozess des ehemaligen Sängers. Auf der anderen Seite findet man nun mal aber auch ein hier zur Disposition stehendes „tolles Album“, und mit Blick auf die später begutachteten positiven Faktoren steht sicher nicht nur explizit diese eine Platte auf der Haben-Seite. Warum aber wird nun eine der Platten dieser eben umschriebenen „Hassband“ zu einer guten, tollen bzw. sogar Lieblingsplatte? Dies fußt – im Bezug auf die im Fokus stehende Platte – auf drei Säulen der Beurteilung:

  • persönliche Umstände
  • musikalische Qualität
  • Band-Respekt

Die Erläuterung der „persönlichen Umstände“, in welchen ich in Kontakt mit der Platte gekommen bin, verdeutlicht sehr schnell die besondere Beziehung – es war schlicht und einfach zu Teenie-Zeiten die Lieblingsplatte eines besten Freundes. Somit fand der beginnende Rock-Fan-Jüngling nicht nur Gefallen am schwierigen Image der Band, dem punkig-rockigen Sound oder den gefälligen und teilweise hochmelodischen deutschen Texten – sondern erlebte mit dieser Platte als gedanklicher Hintergrundmusik auch noch einige sehr aufregende Dinge… die auszuführen hier natürlich zu weit gehen würde ;-)

Es verbindet mich kurz gesagt einfach ein Stück meiner Vergangenheit mit einer Band, die nie wirklich eine „meiner“ Bands war und die ich aus heutiger Sicht in ihrer Gesamtbeurteilung zwar nicht völlig verteufeln will, der ich aber mit Sicherheit eher ablehnend gegenüberstehe.

Zur „musikalischen Qualität“ ist ganz einfach zu sagen, dass die technisch-musikalische Umsetzung im Zeitrahmen ihresgleichen sucht: Grandiose Melodien, tolle Riffs und kraftvolle Produktion treffen auf authentische, aber durchaus auch sprachlich-verspielte Textkonzepte (die ganz im Sinne des Album-Titels viele Bibel-Verweise enthalten). Die Platte ist musikalisch wie textlich extrem abwechslungsreich, gespickt mit Zitaten (u. a. Goethe, Hesse, …), und sie versprüht angriffige, aber gereifte Rock-Energie, die auch heute noch ins Ohr geht und mit Heilige Lieder oder Nenn‘ mich wie Du willst auch tatsächlich klassische Band-Hits beinhaltet. Das Album an sich, abseits der Hintergründe und Geschichte der Bandprotagonisten, ist schlichtweg ein musikalisch wie textlich tolles Stück deutscher Rockmusik. Durchaus wichtig ist mir an dieser Stelle auch die respektable Würdigung der Band-Leistung im Bezug auf Umfeld, Anfeindungen, … eine derartige Platte zu bewerkstelligen.

Zur Zeit der Veröffentlichung des Albums gab es negative Presse-Kampagnen, kein Marketing der Plattenfirma, Verkaufsverbote z. B. bei Mediamarkt, einen allgemeinen Gegen-Trend zur klassischen Rock-Musik und schwierige Zeiten in der Band – die Platte in dieser Situation (und noch dazu ohne Internet-Support) auf Platz 5 der deutschen Charts zu platzieren, war eine gewaltige Leistung. Insgesamt ergibt sich also aus meiner sehr subjektiven Sicht das Bild eines grundsätzlich tollen Albums einer grundsätzlich kontroversen und schwierigen Band. Gerade auf Grund der Tatsache, dass es sich um eine sehr kontroverse Gruppe handelt, habe ich jetzt auch sehr lange versucht, die Notwenigkeit der finalen Nennung der Band hinauszuzögern, um jetzt zum Ende nur noch der Vollständigkeit halber kurz „Namen zu nennen“. Wie die KennerInnen unter den werten LeserInnen vielleicht schon erkannt haben, behandle ich nun schon einige Zeilen lang die deutsche Rockband Böhse Onkelz und ihr Album Heilige Lieder aus dem Jahre 1992 – das aus den angeführten Gründen mein „tolles Album einer Hassband“ ist.

Über den Autor: Florian Allesch arbeitet im Bereich Medien/Kommunikation bzw. als Sozialarbeiter, schreibt für einige Online-Musikmagazine und darf eine relativ umfangreiche Plattensammlung mit Fokus auf den Rock-/Metal-Bereich sein Eigen nennen. FA on www, Xing, Facebook, Twitter & Last.fm.

Böhse Onkelz: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Eine Platte, die Jonny Jelinek nicht mehr hören kann, obwohl sie sehr gut ist: Mando Diao – Bring ‘em In (2002)

Es gibt schon mehr als eine Platte, die ich trotz ihrer Genialität heute nicht mehr hören kann. Das hat genauso viele wie unterschiedliche Gründe. Sei es die unzerstörbare Verbindung der Synapsen, die einen an einen Menschen erinnert, den man eigentlich erfolgreich verdrängt hat, oder seien es Songs, die nicht dafür gemacht sind, über Jahre hinweg gehört zu werden und irgendwann nur mehr öd werden. Oder sei es einfach nur der Fakt, dass man die Platte bis zum Erbrechen zu jeder Tages- und Nacht-Zeit rauf, runter und rüber gehört hat. Im Fall von Mando Diao und ihrem Debütalbum ist es Letzteres, zusammen mit einem Schicksal, das viele einstige Indie-Bands teilen: Der Weg in Richtung Kommerzialität, den man ihnen natürlich nicht vorwerfen kann, der sie aber irgendwie unsexy macht. Was dieser Weg nämlich mit sich bringt, ist ein Wandel in Richtung glattgebügelte Songs, die sich um jeden Preis ohne zu stolpern in die Gehörgänge schleichen und an denen sich die großen Radiostationen bloß nicht stoßen können.

Wenn ich heute den Namen Mando Diao höre, muss ich unweigerlich an 14-jährige Girlies denken, die lauthals „daaaance with somebody, daaance, daaance, daaance“ kreischen. Gänsehaut der unangenehmeren Art… Einen Schauer der angenehmen Art verursacht aber das Erstlingswerk der Schweden, und wer auf rotzigen Rock à la The Who steht und sich noch nicht daran totgehört hat, sollte sich dieses Album auf jeden Fall zu Gemüte führen: Bring ‘em In.

Besser als The Who?

Das Debütalbum der fünf Garagen-Rocker aus der schwedischen Provinz Borlänge klingt wie die ohrenbetäubende Fahrt auf einem Highway und fühlt sich auch so an…

Langsam wird es dunkel in dem kleinen schwedischen Ort, wo fünf rotzfreche und hochmusikalische Buben ohne Future einen Ausflug planen, von dem es kein Zurück mehr gibt. Der Abend bricht herein und ein 60′s-Brit-Rock-Gewitter zieht auf, am Horizont zucken die ersten Blitze durch die Dämmerung. Die Band schmeißt ihre dreckigen Gitarren und das verstaubte Schlagzeug in ihren bemalten Van und fährt mit quietschenden Reifen aus der versifften Garage. Rauf auf den Highway, der gepflastert ist mit unzähligen The-Bands wie The Strokes, The White Stripes, The Datsuns oder The Hives. Den Artikel lassen diese Jungs bewusst im Straßengraben liegen, auf unnötigen Ballast wird verzichtet, einfach nur Mando Diao – das reicht. Mit einem lauten „Yeahhhh Yeahhh Yeahhh“ eröffnen sie gleich mit dem Opener Sheepdog den Sweet Ride, der sie durch viele Ären der Rockgeschichte bringen soll.

Sie rauschen Richtung Motown, und die ersten drei Tracks zeigen gleich, wohin die Reise geht. Sie wirken wie eine dröhnende Verkehrslawine, die über die staubige Straße schmettert. Es wird gerockt, was das Zeug hält, ohne Rücksicht auf Verluste. Die Gitarrensounds wehen als Fahrtwind durch ihre Haare. Immer einen coolen Spruch wie „She ain’t as beautiful as me, but she’s as beautiful as she can be“ auf den Lippen.

Dann scheint es plötzlich Nacht zu werden und der Mond zieht auf. Mr. Moon zeigt die Truppe von einer anderen, souligen, balladesken und gefühlvollen Seite. Auch das können sie. Ein neuer Tag beginnt und mit ihm der Track The Band, der alle Eingeschlafenen wieder aufweckt. Weiter geht die rasante Fahrt. Es scheint, als wären inzwischen The Animals, The Who, die frühen Stones, die Beatles und Oasis zugestiegen. Die 65er-My-Generation-Riffs dröhnen aus den Lautsprechern, um kurz darauf am Blues-Abgrund vorbei zu schlittern. Dazwischen tanken sie noch schnell auf. 50′s-Gitarrensounds, Retro- und Punk-Rock. Vollmachen bitte. Sie scheinen fast am Ziel zu sein. Mit Karacho durchqueren sie den rockigen Staat P.U.S.A, wo eindeutig die Kinks zu wohnen scheinen. Vorbei an der soulig- funkigen Lady, dem letzten Track Laurent’s Cathedral entgegen, der wie ein dunkler Sonnenuntergang wirkt.

Mando Diao sind angekommen. Was für eine Fahrt! Die beiden Sänger Gustaf Norén und Björn Dixgard steigen aus. In der Hand eines ihrer selbstgemalten Plakate, auf dem steht: „Wir glauben ehrlich, dass unsere Platte besser ist als alles von The Who, den Kinks oder den Small Faces. Es ist sogar eine rundere Sache als viele Alben der Beatles und der Stones.“ Autsch – Großkotz, aber das passt zu ihnen. Grandiose Rockmusik? Ja. So gut wie die Band selbst meint? Nein. Vielleicht jedoch – irgendwann, wenn sie angekommen sind.

Über den Autor: Jonny Jelinek ist die eine Hälfte der Wiener Agentur Webfeuer, die er mit seinem Bruder betreibt, und ist auch auf Twitter zu finden.

Mando Diao: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Richard K. Breuer über eine Platte, zu der man unbedingt Liebe machen sollte

Als es dunkel wurde, die Lichter in den Gassen angingen, öffnete ich eine Flasche Rotwein (hatte viel Mühe damit). Die Stimmung war locker und entspannt, keine Hektik oder Nervosität, und bereits ein klein wenig elektrisierend. Peter Gabriels Blood of Eden war anschmiegsam wie selten zuvor, Rebecca Pidgeon tat es ihm gleich und bei Kari Bremnes kamen wir uns näher!

Wer über einen erotisch prickelnden Augenblick schreibt, kann aus dem Vollen schöpfen. Die Protagonisten tun, wie man es ihnen als Schriftsteller aufträgt. Deshalb ist es leicht, ihnen zu unterstellen, sie hörten einen Peter Gabriel oder eine Kari Bremnes im Hintergrund, während ihr Liebesspiel langsam aber zielstrebig Gestalt annimmt.

In der Realität meiner Welt (und in der des Lesers) sieht die Sache natürlich nicht so einfach aus. Weil es ja um zwei Menschen geht. Und wir wissen, dass Geschmäcker so verschieden sind, wie „Watsch’n“. Was mir gefällt, muss noch lange nicht dem anderen gefallen. Lapidar, diese Weisheit, aber schmerzlich, wenn sie einem im intimsten Moment bewusst gemacht wird. Deshalb ist die Frage nach der “Platte, zu der man unbedingt Liebe machen sollte” mehr mit einer gedanklichen Spielerei zu beantworten. Weil es beim prickelnden Flirt auf alles und nichts ankommt. Gerade die Frau ist dahingehend ja primär sensibel und reagiert gereizt, wenn das Musikstück nicht in ihre Stimmung passt. Vielleicht ist es aber einfach so, dass derjenige, der unbedingt will, kein Gehör für die Musik hat, die ihn umfließt, während derjenige, der umgestimmt werden möchte, die Musik als Entscheidungshilfe heranzieht. Frei nach dem Motto: Wer so eine Musik hört, mit dem (der) kann man gar nicht ins Bett gehen. Und, wird selten erwähnt, auch das ist nicht unwichtig: die Lautstärke. Wer nicht die richtige Balance findet, wird sich wundern, wie oft er den Lautstärkeregler rauf und runter manipuliert und dabei von den wichtigeren Dingen abgelenkt wird. Zusammengefasst würde ich sagen, dass die Entscheidung, welche Musik bzw. Musikrichtung man beim Liebesspiel auf dem „Plattenteller“ legen soll, nur im Einklang mit dem anderen getroffen werden kann. Anders gesagt: Wenn die Frau deines Herzens mit einer CD in der Tasche zu dir kommt, dann kannst du nichts falsch machen.

Gewiss, die Frage könnte natürlich auch anders gelesen und beantwortet werden: Nämlich, zu welcher Musik ICH unbedingt Liebe machen will, unabhängig, was der andere möchte (das ist dann wohl eine egoistische Gedankenspielerei). Die Antwort fällt mir jetzt auch nicht leichter, weil es da wohl auf hundert und eine Stimmungslage bei mir ankommt. Vermutlich könnte man sagen, ich lasse mich von äußeren Gegebenheiten sehr leicht beeinflussen. Aber wenn wir schon beim Träumen und Phantasieren sind – und das kann ich als Schriftsteller hervorragend – dann würde mir der Canon in D-Dur von Johann Pachelbel einfallen. Weil mir zu diesem Musikstück eine literarische Liebesszene aus der Feder geflossen ist. Warum sie also nicht in die Wirklichkeit des Autors holen? Oder wie wär’s mit der guten Loreena McKennitt und ihrem The Highwayman, ein Lied, das über zehn Minuten ein dramatisches Gemälde zeichnet. Geeignet, um dem Liebesspiel noch neue Facetten abzugewinnen. Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, dann gefällt mir jenes Musikstück am besten: Die Stille des Abends, in der das sinnliche Atmen der Partnerin zu hören ist, unterlegt mit ihrem und meinem im Gleichklang schlagenden Herzrythmus. Dieses Album gibt’s nicht zu kaufen. Leider.

Über den Autor: Richard K. Breuer ist Schriftsteller, Verleger, Buchdesigner, Luftschlossbesitzer und schreibt gerade an einem Fetisch-Roman. Wurde einst mit dem HiFi-Virus infiziert. Die Heilung bestand aus einer Roksan Caspian Combo (Bi-Amping), einem Roksan Attessa CD-Player und einem Paar B&W Nautilus 804. Für das Geld hätte er sich vermutlich einen neuen Kleinwagen anschaffen können, aber Musik hören ist nun mal umweltfreundlicher als in der Gegend herumfahren. Weitere Infos gibt es hier.

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Eine Platte, die @ungeschrien an schöne Zeiten erinnert: Frankmusik – Complete Me (2009)

The smallest things are
Our biggest cracks.
And is it a wonder we all collapse
And we strive for more in life?

Wie klingt Aufbruch? Wie klingt Aufregung? Wie klingt Neues?

Ich weiß es jetzt. Das klingt alles ein bisschen nach britischem Electronica-NewRave. Zumindest, wenn man nach den Tags von Last.fm geht. Und das muss ich nun einmal, weil ich mich mit musikalischen Genres überhaupt nicht auskenne.

Es begann im Juni letzten Jahres. Ich hatte mein Abitur in der Tasche. Geil. Dann kommt jetzt das, was man „Orientierungsphase“ nennt. Also drei Monate lang Zeit dafür, sich von dem Abistress zu erholen und mal zu überlegen, wer man nach zwölf Jahren Schule ist… und wer man eigentlich sein möchte. Und das war mal nötig. In der ganzen Zeit habe ich wirklich viele Platten gehört. Von Owl City, Hadouken!, Mae und vielen anderen. Aber am meisten erinnere ich mich an Frankmusik, den ich rauf und runter gehört habe. Dabei muss ich aber zugeben, dass ich selten Alben kaufe, sondern mir die Musik, die ich haben möchte, Lied für Lied zusammensuche. Hier war es nicht anders; deswegen ist es nicht nur die Platte, sondern auch vereinzelt andere Lieder – und Künstler –, die mich erinnern lassen. Dazu später.

Aber wie kam’s?

Last.fm. Ich liebe Last.fm. Es kennt meinen Musikgeschmack besser als ich selbst. Oft verbringe ich Stunden damit, mich einfach durch meine Musiksammlung zu klicken und ähnliche Künstler anhand der Tags [electronica, classical, powerpop, …] zu suchen. Und so stieß ich über ich weiß nicht wie viele Ecken auf einen Künstler mit diesem Profilbild. Okay – sofort anklicken, reinhören, verlieben!

Complete Me

Complete Me ist das am 3. August 2009 erschienene Debüt-Album von Vincent Frank. Auf der Bühne Frankmusik. Ein britischer Electropop-Künstler, der früher als Beatboxer unterwegs war und dessen erste Lieder vom Radiosender Gaydar gespielt wurden. Von den auf dem Album vertretenen Liedern gibt es viele Versionen; das ist aber in dem Genre wohl so üblich. Deswegen bietet es eine unglaubliche Bandbreite von Pop über Synth, New Rave und Bassline-Remixe bis hin zu ruhigen Balladen auf der im Dezember erschienenen Acoustic-Version des Albums [Completely Me]. Für jeden lässt sich also das Passende finden. Wer jetzt aber Mozart oder Metallica hört, ist mit Complete Me vielleicht nicht ganz so gut bedient. Man sollte schon eine Vorliebe für „synthetische“ Musik haben. Leicht elektronische Klänge. „Mainstream-Melodien“.

Tiefsinn sucht man hier nämlich vergebens. Es wird über Liebe, Eifersucht, Liebeskummer und sowas gesungen. Das lassen die Liedtitel Better Off As Two, Gotta Boyfriend? und 3 Little Words, dessen Video ich übrigens ganz nett finde, schon erahnen. Nicht unbedingt sozialkritisch, arg melancholisch oder augenöffnend. Aber das muss auch nicht sein, denn ich bin der Meinung, dass man mit genügend Fantasie so viel in Lyrics hineininterpretieren kann, dass der Tiefsinn von ganz allein kommt. Jeder empfindet ein Lied anders. Das ist gut so, denn:

Is this really what we want?
Is this really want we need?
Six billion people staring at their feet?

Und so verbrachte ich die Monate vor Studienbeginn mit mehr oder minder seichter Musik, glich das aber durch intensives Tagebuchschreiben und Zumirselbstfinden aus. Melancholische Schwermut hätte ich in der Zeit wahrscheinlich auch nicht gewollt, denn mit dem ständigen Gedanken an den baldigen Studienbeginn ist man trotz vieler Freizeit irgendwie doch etwas aufgekratzt. Bald wird man ins kalte Wasser geworfen. Bald wohnt man allein und kennt niemanden in der großen, neuen Universitätsstadt. Dann ist man wieder der Kleinste. Erstsemester. Allein. Ohje.

Schöne Zeit?

Ich fieberte also den letzten freien Tagen entgegen. Machte den Mietvertrag für die neue Wohnung fertig, schaute nochmal über den Bafög-Antrag und fuhr los. Und saß dann allein im neuen Zimmer. Nordseite. Jalousien unten. Noch kein Internet. Da bleibt einem nur die Musik. Da dreht man den Bass etwas höher [ehrlich gesagt, bis Anschlag] und wartet, dass etwas passiert. Und dann passiert auf einmal so viel. Auf einmal geht’s los. Überall Studenten. Überall Musik, überall Alkohol und überall so viel zu tun! Zu so vielen Liedern muss man plötzlich tanzen! Und wenn man sich früher vor lauter Rumsitzen die Zeit ein bisschen mit basslastiger Musik vertrieben hat, findet man sich jetzt auf einmal mit dem Kopf an einer Balustrade in einem Club lehnend wieder, spürt das Wummern im Kopf, schließt die Augen und ist dankbar, dass man dadurch mal kurz der Realität entfliehen kann, um nachzudenken, was um einen herum eigentlich passiert.

Und wer sich jetzt wundert, warum ich von Bässen rede, obwohl Complete Me in der Hinsicht eigentlich noch recht zurückhaltend ist, wenn man mit anderen Electronica-Bands vergleicht, wundert sich zurecht. Es ist „ungerecht“, die ganze Zeit nur von Frankmusik zu schreiben, denn wie ich am Anfang schon sagte, lieferten auch andere Bands ihren Beitrag zu den Erinnerungen an diese schöne Zeit: Zum Beispiel Hadouken! oder Does It Offend You, Yeah?, die dem gleichen Genre angehören und mich mit ihren [spärlichen] Lyrics in dieser Phase der Veränderungen irgendwie total ins Herz trafen:

Today I stood and walked away.
I’m never coming back this way.
I’ve got my things, I’m here to stay.
I’ll try to walk another way.

Und jetzt sitze ich hier, schreibe diesen Text, höre wieder Frankmusik und mir kommt es vor, als schriebe ich von letzter Woche. Dabei ist es schonwieder ein Jahr her. Und was kann ich sagen?

I’m not complete – but completely me. Danke, Musik. :-)

Über den Autor: Der Ungeschrien versucht seinen verwirrenden Alltag twitternd zu verarbeiten, ärgert sich fürchterlich, wenn er freie Zeit nicht zum Musik hören nutzen kann, da ihm das die Statistik auf Last.fm kaputt macht, und liebt Diagramme (PDF, 6MB!), die seinen Musikgeschmack widerspiegeln.

Frankmusik: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Die erste Platte, die Heinz Duschanek je gekauft hat: Deep Purple In Rock (1970)

Zweite Hälfte der 70er-Jahre. Heisse Sommertage im Tullnerfeld. Ich schwinge mich in der Früh auf mein Vier-Gang-Fahrrad und ziehe mit den Nachbarskindern in der Gegend herum. Abkühlung von der Sommerhitze bringt ein Sprung in den nahen Schotterteich. Zutritt verboten, aber wen interessiert’s. Im Zaun sind alle hundert Meter große Löcher, die zeitweilig geflickt und umgehend wieder aufgerissen werden.

Neben dem Sommerhaus meiner Eltern gibt’s eine Tischlerei. Der Älteste Tischlersohn hat eine Stereoanlage mit allen Schikanen. Marantz-Verstärker, Lenco-Plattenspieler, Teak-Tonbandgerät. Der Lautstärke-Regler steht irgendwo zwischen 7 und 10, und das Fenster ist offen. Ich ziehe enge Kreise mit dem Fahrrad vor dem Fenster. Emerson, Lake and Palmer. Pink Floyd. Deep Purple. Eben noch großer Abba-Fan gewesen, eröffnet sich mir eine neue Welt. Ich kopiere mir Platten wie Pink Floyds Ummagumma oder Deep Purples Made In Japan auf Kassette. Wieder daheim in Wien höre ich die Musik im Dauergang. Mono, dafür laut. Was der Kassettenrekorder so hergibt.

Im Dezember 1979 kaufe ich mir meine erste Platte. CDs werden gerade erst in Labors entwickelt, im Meki in der Operngasse in Wien kauft man ausschließlich Langspielplatten. Also Vinyl! Für das Deep-Purple-Doppelalbum Made in Japan reicht das Taschengeld nicht, es wird Deep Purple In Rock. Meine Eltern besaßen eine Stereo-Anlage von ITT Schaub Lorenz. Das war die mit den kugelförmigen Lautsprechern. Aber die bleiben stumm, denn meine Wunschlautstärke wird über die Kopfhörer direkt ins Gehirn geleitet. Plattennadel aufsetzen.

Speed King. Bloodsucker. Child In Time.

Platte umdrehen.

Flight Of The Rat. Into The Fire. Living Wreck. Hard Lovin’ Man.

Ritchie Blackmore. Ian Gillan. Roger Glover. Jon Lord. Ian Paice. Martin Birch an den Reglern. Dass die Band zu der Zeit schon lange nicht mehr existiert, betrübt mich. Dafür muss umso öfter die Musik gehört werden. Ich habe die Kopfhörer auf, den Lautstärkeregler irgendwo zwischen 6 und 7 (bei mehr als 7 dröhnt es nur mehr), und singe mit Gillan mit. „Sweet child in time, you’ll see the line. The line that’s drawn between the good and the bad.“ Wenig später kommt Blackmore langsam zur Sache. Wie ist es nur möglich, ein Stück derart gemütlich beginnen zu lassen, und dann in jeder Sekunde zu steigern? Und wenn Du glaubst, mehr geht nicht, kommt noch etwas dazu. Es wird schneller, lauter, dichter. Ich komme auf der Luftgitarre gerade noch mit. Ich habe die Augen geschlossen, und stelle mir vor, wie ich auf der Bühne stehe, hinter mir eine Wand von Marshall-Verstärkern. Vor mir himmeln mich die Mädels aus meiner Klasse an. Darunter natürlich auch die Wesentliche.

Ich bin Blackmore, ich bin Child in Time, ich bin das Solo.

Jeden Ton davon kann ich auswendig, und trotzdem entdecke ich ständig neue Aspekte. Die Musik nutzt sich nicht ab. Wie macht das der Blackmore an der Gitarre nur? Damals weiß ich noch nicht, dass der Mann hauptsächlich Pentatonik- oder Blues-Tonleiter spielt. Heute bin ich immer noch erstaunt, wie es nur möglich ist, mit dem Tonmaterial so facettenreich zu spielen, und dabei immer interessant zu klingen. Vergiss mixolydisch, dorisch und alteriert. Blackmore ist kein musiktheoretischer Revolutionär. Aber sein Gefühl für fette Gitarrenriffs (Into The Fire!!) bereitet vermutlich den Weg für Metallica, Pantera und Konsorten.

Kurz darauf erlösen noch drei weitere Platten das Album von seiner Einsamkeit im Plattenregal. Deep Purple Made in Europe, Rory Gallagher Live! In Europe, und Emerson, Lake and Palmer In Concert. Vier LPs legen den Grundstein meiner Plattensammlung, und es soll noch lange dauern, bis eine fünfte Platte dazu kommt. Deep Purple In Rock bleibt vorerst das einzige Studio-Album in meiner Sammlung.

Mit dem ersten verdienten Geld aus Ferienjobs kaufe ich mir später einen Aiwa-Receiver, einen Dual-Plattenspieler und Bose-Lautsprecher. Die vier Alben laufen in Heavy Rotation. Deep Purple In Rock wahrscheinlich ein wenig öfter, und ein wenig lauter. Die Bose-Lautsprecher 301 Version I mit dem Hochtöner im schrägen Winkel arbeiten immer noch, erst im Vorjahr habe ich die Sicken von einem Bastler reparieren lassen. Das Deep-Purple-Album In Rock ist 31 Jahre alt und befindet sich im Bestzustand. Aufgeladen mit Träumen und Emotionen. Unverkäuflich.

Über den Autor: Selbständig im Bereich Online-Marketing. In den Neunzigern bei Radio CD und ORF (Ö3 und Ö1) gearbeitet. Als Jugendlicher Klassik-Gitarre gelernt, mehr als 20 Jahre später die Welt der Stromgitarren betreten. Ein kleiner Marshall-Verstärker steht unmittelbar neben dem Bett. Heinz Duschanek bloggt, twittert und ist auch auf Facebook zu finden.

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Eine Platte, die René sogar an seinem Arbeitsplatz auflegen darf: The Slapbacks – Roasted & Toasted (2009)

Jaja, um der Attitüde zu entsprechen, muss es natürlich ein Rockabilly-Album sein, könnte man mir jetzt unterstellen …

Ich geh’ mal davon aus, dass die Slapbacks hier wohl niemandem ein Begriff sind, darum kann man das ganze ja mal als klassische Horizonterweiterung ansehen. ;-)

Michael Nehyba (Lead Guitar, Vocals), Patrick Preiner (Rhythm Guitar, Beat Box) und Horst Krenn (Double Bass) bilden das Trio The Slapbacks und rock’n’rollen in der österreichischen Szene seit 1995. Interessant an der Band ist, dass sie komplett ohne Schlagzeug auskommen – ja, sooo soll „Authentic Rockabilly“ sein.

Die Jungs sind vor allem Live ein echtes Erlebnis, öfters zu sehen sind sie im Saloon (Donauzentrum) oder in der Soulveranda (Alsergrund). In ihrer 15-jährigen Bandgeschichte haben sie nicht nur in halb Europa gespielt, sondern auch schon im Mutterland des Rock’n’Roll – in den USA. Auch auf diversen Rock’n'Roll-Weekendern und -Meetings waren die Jungs schon live zu sehen.

Gut, Rock’n'Roll ist jetzt nicht soo die außergewöhnliche Musik, dass man sie nicht in der Arbeit spielen kann, aber vor allem der Kontrabass ist halt nichts Alltägliches. Gut so!

Roasted & Toasted ist so quasi die eigens entworfene Compilation, viele Songs aus zwei vergriffenen Platten und einige unveröffentlichte Songs sind darauf zu finden. Keine Sorge, auf dieser Platte sind nicht nur Covers enthalten, auch viele eigene Stücke sind darauf zu finden. Den Einstand macht auch gleich eine eigene Nummer, in der es heiß: „I got the Blues, I got the Rockabilly Blues“. Hammernummer, die an einem etwas noch müden Arbeitstag mein Stimmungsbarometer gleich um einiges hebt.

Eine wirklich für die Arbeit kompatible Nummer ist, Stranger Girl. Wer den Film The Wanderers kennt, dem wird das Lied bekannt vorkommen. Herrliche Nummer, wer kennt das nicht, irgendwo beim Shoppen oder im Stammlokal, ein Mädchen gesehen, dass einem ein wenig den Kopf verdreht hat. Bei diesem Song wippt sogar meine Kollegin mit…

Ein weiteres Highlight dieser Platte ist Red Cadillac & Black Mustache, ein Cover, das schon von so manch großen Rock’n'Roll-Musikern gespielt worden ist. Der Sound hat einen richtigen Drive und bringt einen in Feierabendstimmung, um nicht zu sagen in After-work-beer-Stimmung.

Die Slapbacks haben mir schon einige unvergessliche Konzerterinnerungen beschert, sei es eine wilde Menge beim etwas wilderen Abtanzen und das Mitgröhlen bei den unzähligen Johnny-Cash-Covers. Die Jungs sind nicht nur musikalisch sehr authentisch, auch nach den Shows kann man mit ihnen ein wenig plaudern und noch gemeinsam das eine oder andere Bier trinken – that’s Rock’n'Roll!

Also, am 3. September 2010, ab 20:00 Uhr in die Soulveranda kommen und sich am besten selbst von den drei Jungs aus Wien überzeugen.

Über den Autor: René ist seit 5 Jahren in der Werbebranche als Digital & Online Consultant tätig. In der Freizeit besucht er gerne Rock’n'Roll-Konzerte, bloggt, twittert und spielt Beachvolleyball.

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Eine (nein, sogar zwei!) Platte(n), deren Kauf Andreas Habicher bereut: Sri Hari – Rising Sign (1995) / One But Different (1997)

Wenn ich den Kasten öffne, in dem die alte CD-Sammlung lagert, starren sie mich an. Ja, ich hätte sie schon längst wegwerfen sollen. Und jetzt, nach all den Jahren, werde ich das auch machen. Ich habe sie im Doppelpack erstanden, die beiden Scheiben zum Preis von anderthalb, und der Preis war nicht einmal hoch. Der Euro war damals noch der Ecu, gezahlt wurde mit der alten, österreichischen Währung, und die beiden Tonträger haben mich wahrscheinlich zusammen zehn Schilling gekostet – im Vergleich zu den heutigen Preisen wohl 40 oder 50 Cent, wenn überhaupt. Trotzdem: Was hat mich nur geritten, was war das für eine komische Stimmung, in der ich mich von dem verhungerten Bürschchen am Hauptausgang beim Donauzentrum breitschlagen ließ, CDs aus seiner Schuhschachtel käuflich zu erwerben?

Hätte ich die gute Münze doch lieber in Kaugummis investiert, da bekam man zu jener Zeit für zehn Schilling noch eine große Packung. Sri Hari steht groß auf beiden Covern – das muss wohl der Bandname sein –, und als Albumtitel bei dem einen One But Different, auf dem anderen Rising Sign. Auf dem ersten sind drei schräge Gestalten auf einem verzerrten Schwarzweiß-Foto abgebildet; der in der Mitte, zwischen einem müden Burschen und einem Carlos-Verschnitt, starrt die Kamera gruselig durch die große Brille an – den Kopf leicht zur Seite geneigt, den verhärmten Mund leidend zusammengekniffen, die Hände ringen auf der Tischplatte miteinander.

Auf dem zweiten Cover ist eine Art Ambience-Soundwave zu sehen, die wie eine Meereswelle um eine Stimmgabel mit indischem Kuppelgupf-Griff schwappt. Äußerlich New Age also, inhaltlich plumper Amateur-Techno mit aus dem Zusammenhang gerissenem, möchtegernerleuchtetem Hare-Hare-Geseire dazwischen. Der Bursche mit der Schuhschachtel hat damals irgendwas erzählt über die Gruppe, er hat ständig gelabert – ich war abgelenkt und wollte nach Hause, es ist wirklich lange her, und so kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was es war. Er war jedenfalls kein schlechter Verkäufer, oder ich ein viel zu leicht zu manipulierendes Opfer. Okay, geben wir es zu, die Opfertheorie ist die zutreffendere. Am Ende hatte er zehn Schilling mehr und zwei CDs weniger. Ich hoffe, die Kaugummis haben ihm geschmeckt.

Ich höre die beiden CDs anlässlich dieses Beitrags noch einmal an, versuche es, aber ich schaffe sie nicht – die erste überspringe ich Lied für Lied, bei der zweiten wird mir tatsächlich übel und ich muss abbrechen. Verantwortlich sind dem Inlay nach die „Bauneholm Studios“ in Kopenhagen, der Vertrieb in Deutschland obliegt einem „Center for Vedic Studies“. Wer mehr wissen will, soll sich an eine alte E-Mail-Adresse wenden, die es bestimmt heute nicht mehr gibt, bmd@com.bbt.se. Und jetzt ab in die Mülltonne damit.

Über den Autor: Andreas Habicher twittert als @ahabicher und übersiedelt sein Blog langsam, ganz langsam, Artikel für Artikel, hinüber auf http://misoskop.wordpress.com.

Sri Hari: Hörproben sowie nähere Infos gibt es hier.

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle. Andreas Habicher war bereits mit einem Text zu Tag 3 mit dabei.

Eine nach Klemens Wieringers Meinung wirklich revolutionäre Platte: dredg – El Cielo (2002)

Ein revolutionäres Album? Schwere Sache. Vor allem schon der Grundgedanke zum Titel: Soll es nur für mich revolutionär gewesen sein, oder für alle? Ein ganzes Genre? Die ganze Welt?

Nach Rückfrage beim Herrn (mad), der mir freie Hand ließ, entschied ich mich für ein Album, welches nicht nur mich wirklich immens beeindruckt hat, sondern ebenso seine Spuren in der Welt des Alternative wie auch des modernen Progressive Rock hinterlassen hat: für dredgs El cielo, einem Monster von Konzeptalbum.

Einfach ist das jetzt nicht. Das knapp unter einer Stunde dauernde Werk lieferte zwar eine relativ radiotaugliche Single namens Same Ol’ Road (ab und zu auf FM4 zu hören war sie doch), ist aber nur im Ganzen annähernd zu begreifen.

Also, versuchen wir’s..

Nach ihrem inzwischen zum elfjährigen Jubiläum auf Vinyl neu veröffentlichten Erstling Leitmotif, welcher Hardcore-Elemente mit einem alternativ-progressiven Ansatz verband, wagte sich die Band an ihr bisheriges Opus Magnum, an das meiner Meinung nach kein Folgealbum herankommt. El cielo wurde inspiriert von Salvador Dalís Dream Caused By The Flight Of A Bee Around A Pomegranate One Second Before Awakening. Zu jedem nicht-instrumentalen Lied findet sich im Booklet ein Brief einer Person mit Schlafstörungen – denn darum geht es.

Schlaf und Träume sind die Themen des Albums, in den Texten werden Traumbilder heraufbeschworen. Das gesamte Album ist von der ersten Sekunde an seinem Konzept treu und verhält sich irgendwie auch wie ein Traum: einmal langsam und ruhig, einmal schnell und laut, nicht gleich leicht zugänglich; aber trotzdem möchte man es nach dem Ende nochmals hören.

Was irgendwie auch den Bogen zur Musik an sich erlaubt. Die schwankt zwischen vertrackten Passagen mit unüblichen Rhythmen, fast stillen Momenten und lauten Ausbrüchen. Alles irgendwie ein wenig Post-Rock, durchaus „alternativ“ und ebenso progressiv. So setzt die Band zum Beispiel auch eine Lap-Steel-Gitarre – ein Instrument, welches vor allem im Country weit verbreitet ist – ein.

Dann plötzlich wieder: Piano und Streicher, dredg gönnen einem eine Pause, ein kurzes Zwischenspiel lässt Ruhe einkehren – nur, um von schnellen, abgehackten Gitarrenriffs wieder zerstört zu werden. Doch auch die sind nur eine Art Vorhut für den folgenden hymnischen Chorus.

Wie gesagt: leicht zugänglich ist das Album nicht, und auch nichts zum „einfach mal so nebenbei hören“. Aber dafür ist El cielo ja auch viel zu schade.

Über den Autor: Klemens Wieringer hat neben seinem politischen Engagement, welches er mit zu vielen Karl-Marx-Lektürestunden erklärt, vor allem zwei Hobbys: lesen (Bücher bis Twitter) und Musik hören/machen. Letzteres weniger erfolgreich, aber dafür ist die CD- und LP-Sammlung groß. In seiner Freizeit ist er einer der Besserwisser-Stammkunden der Bücherstube Graz (welche auch ausreichend gute Musik anbietet). Er bloggt als Herr Klemann und existiert auch auf Facebook.

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Eine wunderbare Party- und Mitgröhlplatte: R.E.M. – Automatic For The People (1992)

Man ist ja nicht mehr 15. Damals hätte ich wohl Smash von The Offspring gewählt, weil’s gerade in war. (Die Platte ist übrigens ganz gut gealtert, wie ich vor wenigen Tagen wieder gemerkt habe – und meine zwölfjährige Nichte war ganz heiß drauf, das Album auszuleihen, Stichwort: Playstation/Singstar.) Bald darauf gingen wir bei Partys dann zu Metallica und ihrem Doppelpack Re/Load ab: „Gimme fuel, gimme fire, gimme that which I desire“ usw.

Wenn ich heute eine Platte zusammenstellen würde, auf die sich der gesamte Freundeskreis bei einer Party wohl mehr oder weniger gut einigen, vor allem aber ziemlich umfassend mitsingen könnte, müsste die Playlist wohl ungefähr so aussehen:

Spin Doctors – Two Princes
Beck – Loser
Pearl Jam – Alive
Soundgarden – Spoonman
Smashing Pumpkins – Disarm
Faith No More – Easy
U2 – Numb
R.E.M. – Everybody Hurts
The Chemical Brothers – Where Do I Begin
Beastie Boys – Sabotage
The Offspring – Come Out And Play
Red Hot Chili Peppers – Under The Bridge
Nine Inch Nails – Hurt
Selig – Ohne Dich

Nostalgie pur. Aber sooo schön.

Wenn wir Erwachsenen, wir Eltern, wir in jeder Hinsicht Selbständigen, heute zusammen sitzen, quatschen, träumen, dann passen viele Platten dazu; aber kaum eine ist jedem so gut bekannt wie Automatic For The People von R.E.M. – eben das Album der Band, das sich jeder irgendwann besorgt hat, oder das er/sie bei den Geschwistern nonstop mithören musste, oder das vom heutigen Lebenspartner in die Beziehung mit eingebracht wurde. Immerhin haben R.E.M. allein von dieser Platte rund 18 Millionen Stück verkauft, wenn man Wikipedia traut.

Mit Drive, Man On The Moon, The Sidewinder Sleeps Tonite, Everybody Hurts, Nightswimming und Find The River (dem mit Abstand allerschönsten Song der Band) wurde das halbe Album als Single ausgekoppelt. Mit Try Not To Breath, New Orleans Instrumental No. 1, Sweetness Follows, Monty Got A Raw Deal, Ignoreland und Star Me Kitten finden sich aber noch sechs weitere Songs dieser Größe auf Automatic For The People.

Ein Album für fast jede Stimmung, wenngleich nicht das beste Album der Band (dazu mehr an Tag 28 18 – dieser Link wird dann funktionieren). Ein Album, das man gemeinsam mit seinen Eltern genau so wie mit seinen Kindern zur allumfassenden Freude auflegen kann. Oder eben im Freundeskreis. Mitgröhlen wird man vielleicht doch eher weniger, aber die Platte ist dafür umso wunderbarer zum mitsingen, -summen und -träumen geeignet – und die Party wird ein Hit, garantiert. Warum? Nostalgie pur. Aber sooo schön.

Über den Autor: (mad) gehört dieser Blog

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Eine Platte, die @teerenundfedern immer in gute Stimmung bringt: Mika – The Boy Who Knew Too Much (2009)

Sunnyboy. Ich bin ein Sunnyboy. Das sagen sie alle: Mami, Omi, Papi und die fünf inneren Stimmen, die mir sowieso immer sagen, dass ich toll bin. Eigentlich bin ich der geborene Sonnenschein. Ja, das steht fest.

Natürlich bist du in manchen Situationen als Sunnyboy ein bisschen fehl am Platz. Da fragt man dich schon mal, ob du deine Mundwinkel mal nicht besser gen Erdmittelpunkt richten möchtest. Meist in tragischen Momenten. Aber warum?

Ist doch nett, wenn beinahe jeder den Tränen nahe ist und du noch immer den Norbert Schneider-Take-It-Easy-Ohrwurm im Kopf hast. Wenn du quasi die personifizierte Mischung aus Always Look On The Bright Side Of Life und Don’t Worry Be Happy bist. Wenn du an jedem Wochentag sagst: It’s A Beautiful Day anstatt gleich mal zu fragen: Tell Me Why I Don’t Like Mondays. Wenn es für dich doch eher Sonntag, so ein Sonnentag ist und du nicht über den Sunday Bloody Sunday fluchen musst. Wenn du am kognitiven Plattenspieler auch in den unangenehmsten Situationen und Momenten I Gotta Feeling auflegst. Wenn dein Herz immer wieder im Rhythmus von Jungle Drum schlägt. Wenn der Soundtrack deines Lebens einfach fröhlich klingt. Ja, es lebt sich gut als Sunnyboy.

Das passende Album für Sunnyboys und alle, die es noch werden wollen? MikaThe Boy Who Knew Too Much. Eine Platte, die zwölf Titel voller Lebensfreude beinhaltet. Ja, auch mal traurig, aber immer voller Leben. Auch an wolkigen Tagen scheint spätestens dann die Sonne, wenn die Lautsprecher We Are Golden rufen. 41 Minuten lang scheint die Welt dann ein Stückchen bunter und dreht sich berauscht vom Gute-Laune-Pop made in Britain. Detailverliebt ausproduzierte Songs, die vor allem eines können: unterhalten. Zum wegträumen und -tanzen aus der tristen Realität.

Zugegeben, einigen wird das wohl zu viel Lollipop-Zuckerwatte-Kindergarten-Popmusik sein. Doch im Dasein eines Sunnyboys kommt man um The Boy Who Knew Too Much kaum vorbei. Das sagen sie alle: Mami, Omi, Papi und die fünf inneren Stimmen, die mir sowieso immer sagen, dass ich einen fantastischen Musikgeschmack habe.

Über den Autor: @teerenundfedern alias Mathias Pascottini ist 18 Jahre alt und kommt aus der Steiermark. Über die große Welt, sein mittelgroßes Lebensumfeld und die kleinen Freuden und Dramen des Lebens bloggt er auf http://teerenundfedern.wordpress.com. Was bisher unerwähnt blieb: Ein echter Sonnenschein, dieser @teerenundfedern.

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Eine Platte aus @jackotys früher Kindheit: Sergej Prokofieff – Peter und der Wolf (in einer Aufführung des Philharmonia Orchester London mit Herbert von Karajan)

Die musikalische Seite meiner Kindheit war neben den Kassetten und den sehr neuartigen CDs von den Schallplatten meiner Eltern geprägt. Diese, für ein Kind riesigen, schwarzen Scheiben durften anfangs nur unter Aufsicht und mit großer Vorsicht auf der Stereoanlage abgespielt werden. Meine Geschwister und ich hatten dabei ein paar Lieblingsplatten, die wir nach dem Kindergarten oder nach der Schule oft drei bis vier Mal hintereinander abspielten.

Wir mochten die Beatles (blaues Album auf LP, rotes Album auf CD), Cat Stevens und, als einen der wenigen deutschen Künstler in der Sammlung, Reinhard Mey. Alle diese Platten hätten für dieses Thema gepasst, aber es gab eine andere Platte, die jetzt kein klassische Musikalbum ist, für mich aber früher einen besonderen Stellenwert hatte.

Es handelt sich um die Kindersinfonie Peter und der Wolf von Sergej Prokofieff. Wir hatten eine LP mit einer Aufnahme des Philharmonia Orchester London unter der Lleitung von Herbert von Karajan und mit Anneliese Rothenberger als Erzählerin. Ich habe Stunden damit verbracht, diese Platte immer und immer wieder zu hören, entweder der Platte beim drehen zuschauend oder direkt neben dem Lautsprecher am Boden sitzend. Und dabei immer die Schallplattenhülle in der Hand, um die Handlung auf der Platte mit der Illustration zu vergleichen. Jeder Figur wird ein eigenes Instrument zugeordnet (die Streichinstrumente begleiten Peter, die Querflöte den Vogel, usw.), das die Erzählerin jedesmal mit einer Erkennungsmelodie begleitet, wenn die Figur erwähnt wird.

In der Geschichte geht es um Peter, der sich gemeinsam mit einer Ente, einem Vogel und einer Katze an einem Teich vergnügt. Zwar hat ihn der Großvater noch gewarnt, dass der Wolf sich gerne Enten und Kinder schnappt, die nicht aufpassen; und tatsächlich taucht der Wolf auch auf und verschlingt nicht nur die Ente in einem Schluck, sondern will auch Peter zum Nachtisch verspeisen. Doch Peter klettert auf einen Baum und es glingt ihm mit Hilfe des Vogels und etwas Geschick, den Wolf mit einem Seil zu fangen. Der wird von den herbeigeilten Jägern am Seil mit der lebendigen Ente im Bauch in den Zoo abgeführt.

Peter und er Wolf ist im Grunde also eine klassische, aber spannende Kindergeschichte, die durch eine tolle und eingängige musikalische Untermalung ein sehr angenehmer Zeitvertreib für junge Hörer ist.

Über den Autor: Jakob (@jackoty) ist momentan auf Twitter(zwangs )urlaub, um sein Erasmussemester in Stockholm zu starten. Sobald er wieder mehr Zeit und einen Datentarif hat wird er versuchen, über den schwedischen Alltag zu berichten.

Peter und der Wolf: Falls es tatsächlich Leute gibt, die dieses wunderbare Musikmärchen nicht kennen, gibt es hier die Möglichkeit, eine (englischsprachige) Aufführung aus dem Jahr 1941 zu streamen und/oder herunter zu laden.

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Ihre Hassplatte (nicht: die schlechteste Platte, die sie kennt) stellt uns @httr_ vor: …But Alive – Hallo Endorphin (1999)

Über Musik schreiben ist wie
zu Architektur tanzen.
Das ist immer noch besser als nichts,
auch wenn es halt nichts ist. (…)

Alles außer Jochen.

Hass? Gut. Die Platte, an die ich mich mit meinem Groll wende, die Schulter, der Boxsack, das Überdruckventil. Der Soundtrack zum freien Fall der personen- und umfeldbezogenen Negativassoziationen. Also: Wohin mit dem Hass? Eine vermeintlich existentielle* Frage, mit audiovisuellen Beantwortungsversuchen beispielsweise eines rebellisch-solitären Distelmeyer. Ich folge hingegen dem Erstimpuls, „Instrumentale Hirndröhnung“, krame Apocalyptica aus dem Regal, das totenschädelige Album Inquisition Symphony, mein Begleiter durch den gymnasialen Oberstufen-Endspurt. Sammle düster-wüste Wörte, huldige den martialischen Sound der sägenden Jungs, schwadroniere von Todesfaltern, widme mich der Instrumentenkunde. Doch dann, die Erkenntnis: Alles außer damals. Alles außer Mama und Mathe-Matura.

Der Hass ist mutiert.

2009. Der galoppierende Wahnwitz. Aber es gibt nun mal Zeiten, in denen man seine Gewaltphantasien imaginär ausleben sollte, um längere Haftstrafen zu vermeiden. Unmut und Wut haben ihre Daseinsberechtigung, aber Hass? Hass kommt daher wie ein *existentieller und somit per Definition lebenserhaltender Instinkt, zerrt an den Eingeweiden, hämmert gegen die Schädeldecke, überbrüllt das Rauschen der Gegenmaßnahmen – ist aber tatsächlich eine rein menschliche Mutation von Aggressivität, unnatürliche Übersteigerung selbiger. Schlecht. Also im Sinne der Psychohygiene einen Blitzableiter suchen: I put the hate in whatever! Die folgende 45 min.-Summe der einzelnen Teile wirkt zu diesem Zweck auf mehreren Ebenen gleichzeitig, ist Auffangbecken der Wut und Verkopfung der Antipathie, weist die Trivialität von Befindlichkeiten in die Schranken, sagt:

Hallo Endorphin.

1999. Die vierte und letzte Platte von …But Alive erscheint. Der finale Release beim bandeigenen Label B.A. Records (später: Grand Hotel van Cleef), bevor die Fanbasis meutert, KOMMERZ! schreit, sich die Truppe auflöst, …But Alive stirbt. Und damit eine der, Zitat Fanseite, „einflussreichsten deutschen Punk-Bands“. Mir fällt jedenfalls ebenjenes Album 2009 in Form einer digitalen Freundschaftskopie aus längst vergangenen Tagen in die Hände, 13 Nummern und ein Bonustrack, und trifft irgendeinen losen Nervenstrang. Der nicht mehr ganz so räudige Marcus Wiebusch, mit ersten musikalischen Vorboten der Ära Kettcar, aber noch einem Rest Scheißdrauf, schmeißt Songzeilen á la „Popmusik ist Bürgerkrieg für dich und deine beknackten Freunde mit viel zu viel Zeit“, „Wir alle finden immer für alles eine Lüge“, „Probleme der Ästhetik hältst du für politisch. Ach Gott wie niedlich“ und zeichnet zehn Jahre nach Veröffentlichung immer noch treffende Bilder unserer Generation X, Y, Z an die bröckelnde Hausmauer: „Sie kommen von überall her, mit Sätzen wie: ‘Ja die Ideale, die sind geblieben, nur der Idealismus, der ist weg.’ Der Kartoffelsalat, der schmeckt.“

Wer’s rougher will, möge sich das Demo-Tape der Burschen aus dem Jahre 1991 mit dem klingenden Titel Krawehl!Krawehl! zu Gemüte führen (Download hier), mit Rotz-Refrains wie „Hass: Ich spreng Beyer weg. Das Geilste ist: Ich bin im Recht.“ Aber mit feiner Klinge den gepflegten Wahnsinn artikulieren, die Inkonsistenzen dieser Welt in Worte fassen, und irgendwie einfach total drüber stehen – das macht Hallo Endorphin zu meiner meistgeliebten Hass- & Post-Hass-Platte. Und somit zur, trotz 10+ Jahre zurückliegenden VÖ-Datums, zeitgeistigsten Vertonung of my personal Chaos der jüngst ausgelaufenen Dekade eines neuen, nun ja, Jahrtausends. Und alles weird gut.

(…) Und ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später ist es soweit:
Making disco a threat again. Wow.
Und zu 72% geschmacksicher erklärst du jedem,
dass Ultramarinblau bedeutender ist als Aquamarinblau.
Und alle glauben es dir.
Vorausgesetzt: die Nasenscheidewände halten.
Ich weiß, du meinst es gut.

(…But AliveEin sozialkritisches Schlagzeugsolo später…, aus: Hallo Endorphin, erschienen 1999 bei B.A. Records, erhältlich u.a. im GHvC-Shop.)

Über die Autorin: Hanna wird durch sämtliche Geschwister musikalisch initialisiert. Mit zwölf löst sie ihr Sparbuch auf und investiert alle Ersparnisse in eine Stereoanlage und einen portablen MD-Player, nimmt kistenweise Radiosendungsschnipsel auf. Parallel kommen einige CDs dazu, doch wenige Jahre später verdichtet ein elektronisches Musikverwaltungsprogramm die Sammelwut. MDs stellen mittlerweile nur mehr Erinnerungsstützen dar. Die CD bleibt dank Haptik und Artwork als physische Verkörperung besonderer Zuneigung zu einem Album oder Artist fixer Bestandteil der Musiksammlung.

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O. Pryde bittet jemanden, zufällig eine Platte aus seinem Regal zu ziehen: Death In June – Nada! (1985)

Ou est Klaus Barbie?
Il est dans le coeur!
Il est dans le coeur noir!

Liberte!
C’est un reve!

Meine Frau griff in das CD-Regal und drückte mir das dritte Album von Death In June, Nada! in die Hand. Automatisch dachte ich an die ersten beiden Songs: Honor The Silence, der Opener, welcher in einem Italo-Western bestens aufgehoben wäre. Ich mag diesen Song, genau wegen dieser rauen Western-Attitüde, die eigentlich so gar nicht zu DI6 passt, weder zum Trio im Erscheinungsjahr 1985 (Douglas P., Tony Wakeford und Patrick Leagas), noch zu den wechselnden Gastmusikern rund um Douglas Pearce in den 90ern, und schon überhaupt nicht zu Dougs aktuellen, mehr oder weniger im Alleingang aufgenommenen, Alben seines Spätwerks.

Ein Schlagzeug wie vom Hinrichtungskommando, ein summender Männerchor zur akustischen Gitarre im Hintergrund und schief, wie er eben früher sang, schmetterte Doug P. die Zeile „We stood like Jesus, he smelled like heaven, his eyes were winter“ in die Landschaft, in welcher vor dem geistigen Auge gerade der Vater eines Halbwaisen von den lokalen Banditen an einen vertrockneten Baum geknüpft wird, gerade rechtzeitig zum Einsetzen der dramatischen Trompete und der hart gezupften Stromgitarre.

Ein guter Song, den Tag zu beginnen.

Die zweite angesprochene Nummer ist The Calling (Mk II), und auch diese ist für DI6 untypisch, fällt sie doch in die frühe Phase des Wave und gilt daher bis heute als Klassiker auf einschlägigen Veranstaltungen. Ich bin mir sicher, hätte es vor 25 Jahren bereits FM4 gegeben, Calling wäre dort in heavy rotation gelaufen. Ich erinnere mich noch gut an die „Walls Of Sacrifice“-Parties, damals im „Monastery“, wo man den Electro-Sound dieses Liedes mit deutscher Pünktlichkeit immer gegen Mitternacht hören konnte; die 15 Tanzminuten der Tarnjacken einläutend (weil meist gefolgt von ähnlichen Gassenhauern wie Leben heisst Leben von Laibach und vergleichbar erhebenden Tonkunstwerken der konservativen Avantgarde).

Man hob seine Bier- oder Cidergläser, sagte „Ahhh!“, und wenn man nicht tanzen (aka „marschieren“) wollte, nickte man dezent mit dem Kopf, um den Kennern zu signalisieren „Ja, das ist Death In June und ich bin begeistert“. Einen ähnlichen Effekt erzielen bei mir die ersten Vorboten von DI6‘ aufkommendem Wechsel ins Fach des Neofolks, Fields Of Rape, Leper Lord (ganz groß: „There he stood, at the edge of the world, snatching the sun from the sky! Oh Leper Lord, my Leper Lord, make the angels cry!“) und C’est un rêve. Kurze Songs, perfekt zum mitsingen bei jeder Gelegenheit; zeitlose Klassiker.

Dass meine Frau zu Death In June greifen wird, war mir klar, ist diese Band in meinem musikalischen Leben doch die größte Konstante. Um Douglas P.s Projekt ranken sich viele Mythen und Legenden, viel Kontroverses und Zweideutiges; sie polarisieren wie nur wenige Bands und können auf 30 Jahre Geschichte zurückblicken, auf viele stilistische Ebenen (Post-Punk, Post-Industrial, New/Dark Wave, Martial, Military Pop, Neofolk, …), auf viele Gastmusiker (David Tibet, Boyd Rice oder Albin Julius, um nur drei bekannte Namen zu nennen) und sogar auf mehr Bootlegs als die meisten anderen Bands (mein Tipp: White Hands Of Death).

Nada! war ein für seine Zeit untypisches Album, es hat Ecken und Kanten, harmoniert perfekt mit seiner Schwester-EP 93 Dead Sunwheels, und man kann es getrost als „inspirierend“ bezeichnen. Man hört noch ein wenig den kantigen Sound von Pearce’ und Wakefords Zeit bei der linksextremen Punkband Crisis, aber das später für DI6 typische Feeling ist ebenfalls schon vorhanden. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben war Nada! ein Wendepunkt in der Geschichte der Band, nicht nur musikalisch, zerfiel danach doch das Trio langsam, bis eben nur noch Douglas übrig war, welcher heute in seinem „Fort Nada“ in der australischen Einöde sitzt und gelegentlich noch den einen oder anderen Tonträger herausbringt. Wie wichtig Nada! für alle Beteiligten war, konnte man 2009 am Leipziger WGT sehen, als Leagas mit seiner Band Mother Destruction Songs von diesem Album interpretierte.

Für mich persönlich ist es nicht die wichtigste Platte der Band, aber eine, die immer wieder gerne in der unverschämpt potenten Stereoanlage landet. Und dann träume ich vom Galgen bei Morgengrauen.

Über den Autor: O. Pryde twittert und ist Herausgeber des misanthropischen Online-Magazins Der Blogger.

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Eine wirklich miese Platte meiner (einstigen) Lieblingsband: Rage Against The Machine – Renegades (2000)

Wenn deine Lieblinge, deine Jugendhelden – deine Idole! – Scheiße produzieren, dann gibst du’s nicht gerne zu. Dann versuchst du, den Mist so gut es nur geht zu verteidigen, betreibst Selbstverleugnung bis du dich selbst rhetorisch in die Ecke gedrängt hast. Aber, mal ehrlich: Scheiße muss man Scheiße nennen.

Wenn Künstler neue Wege gehen, muss man als Fan versuchen, um die Ecke zu denken, so gut es eben geht. Manchmal öffnen deine Heroes dir die Augen, auch wenn es Jahre geht. So habe ich die Qualitäten von Host, dem 1999er-Output von Paradise Lost, sehr lange nicht zu schätzen gewusst. Obwohl ich erst 1997, mit One Second, auf die Band aufmerksam geworden bin, auf dem sich der Weg vom Goth-Metal zum Goth-Pop der Marke Depeche Mode bereits abgezeichnet hat, gefiel mir Host anfangs überhaupt nicht. Ich gebe auch zu, dass ich die CD bis heute nur als Freundschaftskopie besitze. Aber, wie ich gerade in diesen Minuten wieder feststelle: Es ist bei Gott keine schlechte Musik, und schon gar keine Depeche-Mode-Kopie, wie böse Zungen immer wieder behaupten.

Dennoch: Mit Ausnahme des direkten Nachfolgers Believe In Nothing (2001) sind alle späteren und fast alle früheren Alben der Band besser. Bei den früheren mache ich auch nur deshalb Abstriche, weil ich mittlerweile nur mehr selten auf die wirklich heftige Death-Metal-Mucke abfahre, die auch Paradise Lost auf dem Debüt Lost Paradise und auf dem wegweisenden Gothic zu spielen pflegten. Wenn ich jedoch nur ein Album der Band mit auf die berühmte Insel nehmen dürfte, es wäre wohl Draconian Times (1995), das die Bandbreite der britischen Metaller sehr eingängig und verdammt gut produziert widergibt.

Nicht wirklich toll ist auch Green, das Album, das R.E.M. 1988 heraus brachten; was um so erstaunlicher ist, als 1987 mit Document ihr absolutes Meisterwerk erschienen ist – zumindest für mich –, und sie ab 1991 mit dem nicht weniger grandiosen Out Of Time zu wirklichem Weltruhm aufstiegen. Document hatte mit It’s the End of the World as We Know It (And I Feel Fine) und The One I Love zwei noch heute sehr bekannte Hits, und bei Losing My Religion und Shiny Happy People von der 91er-Platte brauche ich wohl niemandem, der älter als 25 ist, viel zu erklären – und dabei sind das längst nicht die besten Songs dieser Platten.

Natürlich gibt es Leute, die Automatic For The People (1992) oder auch New Adventures In Hi-Fi (1996), zwei absolut grandiose Platten, mehr schätzen – wobei ich das Zwischenwerk Monster (1994) nach wie vor für R.E.M.s beste Scheibe der 90er halte; über die 00er-Jahre sollten wir eher schweigen: Einzelne tolle Songs und viele, viele Füller. Green jedoch hätte nach heutigem Wissensstand eine absolute Über-Hammer-Platte werden müssen. Abgesehen von zuckersüßen Popsongs wie Stand und Orange Crush, zwei passablen Hits, ist aber nicht viel interessantes auf dieser (noch dazu nicht wirklich toll produzierten) Platte zu finden. Schade.

Andere Bands meiner Jugend wie Life Of Agony, Soundgarden und die Smashing Pumpkins hatten sich rechtzeitig aufgelöst, bevor es bergab ging; LOA und die Pumpkins legten Jahre später einmal eine passable und einmal eine furchtbare Comeback-Platte hin; Soundgarden-Sänger Chris Cornell – der Masse wohl vor allem mit seinem James-Bond-Titelsong, einem auch schon nicht mehr so tollen Rock-Standard, bekannt – machte mit Audioslave ganz nette (auf dem ersten Album sogar grandiose) Rock-Musik, ruinierte seinen Ruf als ernstzunehmender Musiker jedoch spätestens mit seinem dritten Soloalbum, das ihn auf die Pfade eines Justin Timberlake für ganz Arme tappsen ließ. Es besteht Hoffnung, dass die seit einigen Monaten laufende Reunion der alten Truppe wieder zu einer anständigeren Platte führt – ich würd’ mich freuen.

All die genannten Bands haben jedoch mit ihren Ausfällen nicht so sehr an ihrer grundsätzlichen Genialität zweifeln lassen wie Rage Against The Machine mit ihrem 2000er-Output Renegades, einer Abschiedsplatte. Freilich, auch RATM gibt es wieder – sie touren fleißig durch die Festivals der ganzen Welt, rufen überall „Revolution“ und machen sich damit lächerlich; rocken auch sicher ganz passabel; bei einer neuerlichen Plattenaufnahme würde ich jedoch eher auf eine ganz große Enttäuschung wetten. Wie sie eben schon Renegades war, das reine Cover-Album, das herauskam, als die Band bereits ihre Auflösung bekannt gegeben hatte.

Natürlich, die ganzen alten Rap-, Folk- und Pop-Hadern auf Crossover zu trimmen klang vielversprechend. Und es gibt auch einzelne Lichtblicke wie Renegades Of Funk (im Original von Africa Bambaata), How I Could Just Kill A Man (Cypress Hill) oder das wirklich cool rockende Pistol Grip Pump (Volume 10). Aber schon Kick Out The Jams von MC5 kommt nicht über 08/15-Rock heraus – da bringen Eddie Vedder und Pearl Jam (hier mit der Hilfe von Jerry Cantrell) schon einen Haufen mehr Seele rein. Wie überhaupt den späteren RATM-Outputs die Seele fehlte, das fiel schon bei The Battle Of Los Angeles (1999) auf – man vergleiche dazu das tolle Debüt und das so unglaublich perfekte Evil Empire (1996).

Und Renegades? Verhunzt Bruce Springsteens The Ghost Of Tom Joad, vergeht sich am Street Fighting Man der Rolling Stones und schafft es bei Maggie’s Farm sogar, mit einem Bob-Dylan-Cover schlecht auszusehen. Warum ich die Platte noch im Regal stehen habe? Reine Nostalgie.

PS: Wenn ich das Ganze nun seit Jahren das erste Mal wiederhöre: Also Renegades Of Funk ein Dutzend Mal hintereinander ist wirklich interessanter als das ganze Renegades-Album.

Über den Autor: (mad) gehört dieser Blog.

Rage Against The Machine: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Florian Allesch präsentiert uns die Platte mit dem schönsten Cover-Artwork: King Crimson – In The Court Of The Crimson King (1969)

Nachdem ich mir ja schon bei der Auswahl des Themen-Tages zumindest einmal so lange Zeit gelassen hatte, dass mir die liebe Kollegin @DorisChristinaS das „Konzeptalbum“ wegschnappen konnte, wurde mir schon kurz nach Wahl des „Cover-Artwork“-Tages die Schwierigkeit des auf mich zukommenden Auswahlverfahrens klar. Der Musikfreund und Plattensammler soll nun in einigen Tagen (oder in – zugegeben – wenigen Wochen) aus seinen Schätzen nach noch nicht definierten Kriterien das „schönste Cover“ heraussuchen: Dabei hab’ ich sie doch alle gleich lieb, und schön sind sie auch alle auf ihre Weise, die Dark Side Of The Moon, Master of Puppets‘ oder Heaven and Hells …

Nach vielen Stunden eingängigen Literaturstudiums (1000 Record Covers, Greatest Album Covers, Contemporary Cover Artwork, RockHard-CoverMania, … – alles zu empfehlen und eine prima Ausrede, noch nicht mit der tatsächlichen Suche anzufangen) und intensiver Begutachtung vieler Platten-Frontansichten aus meiner eigenen Sammlung nahm das Ganze aber Formen an.

Letztlich landete ich bei der Auswahl eines sehr besonderen und wundervollen Cover-Artworks einer musikalisch in ihrem Genre sehr bedeutenden, aber im Mainstream insgesamt eher unbekannteren Platte – die natürlich auch musikalisch zu meinen absoluten Favoriten zählt:

  • Artist: King Crimson
  • Title: In The Court Of The Crimson King
  • Date: 1969
  • Label: Polydor Records 2344 093 (W. German Import)
  • Cover by: Barry Godbern

Line Up:

  • Robert Fripp: Guitars
  • Ian McDonald: Reeds, Woodwinds, Vibes, Keyboards, Mellotron, Vocals
  • Greg Lake: Bass Guitar, Lead Vocals
  • Michael Giles: Drums, Percussion, Vocals
  • Peter Sinfield: Words and Illumination

Track Listing:

  • Side 1:
    21st Century Schizoid Man (including Mirrors) … 7:24
    I Talk To The Wind
    … 6:05
    Epitaph
    (including March for No Reason and Tomorrow and Tomorrow) … 8:47
  • Side 2:
    Moonchild (including The Dream And The Illusion) … 12:13
    The Court Of The Crimson King (including The Return Of The Fire Witch and Dance Of The Puppets) … 9:23

Cover

Dieses absolut grandiose Meisterwerk der progressiven Rockmusik ziert ein in intensiven psychedelischen Farben gehaltenes vollformatiges Gemälde des Gesichtsausschnitts eines verzweifelten, schreienden Individuums und verzichtet völlig auf die Positionierung von Bandname, Logo, Plattentitel, …

Der faszinierend-erschreckend-anziehende Eindruck des Artworks wird insbesondere durch die Kombination aus dem ohne Hintergrund, Grundlage oder Ablenkung voll in den Mittelpunkt gestellten Gesichtsausdruck und der aufwühlenden und außergewöhnlichen rosa-blauen Farbkomposition erzielt.

Zum Gesamtbild gehören natürlich die auf den Bildern (Front-Back, Innencover) schön zu sehende Gesichtsverlängerung am Backprint bzw. die in Ausdruck und Farbmischung ganz im Gegensatz zur Frontansicht stehende Figur am Innencover. Insbesondere zur Interpretation der Verbindung dieser beiden Darstellungen zur Musik bzw. zu den lyrischen Konzepten der Platte gibt es viele Meinungen, aber, wie ich noch erläutern werde, wenige konkrete Informationen.

Selbst während der intensiven Beschäftigung mit vielen, vielen besonderen Artworks im Laufe der Suche nach meinem „Meisterstück“ kamen mir nicht viele auch nur ähnlich intensive Bilder zu Gesicht – ein wahrlich besonderes Werk und somit mein „schönstes Cover“.

Geschichte

Artwork-Künstler Barry Godber ist eine tragische Figur in dieser Geschichte, da er zu den Hintergründen dieses außergewöhnlichen Kunstwerks nicht viel erläutern konnte. Er wurde zwar mit dieser Platte in der damaligen Londoner Kunst- und Musikszene zu einem kleinen Star, der „Crimson King“ blieb aber leider sein letztes Werk – er starb kurz nach Veröffentlichung der Platte mit gerade 24 Jahren.

Die daher nur sehr vagen Informationen und undifferenzierten Spekulationen zur Entstehungsgeschichte und Interpretation des Artworks sehen darin jedoch vielfach übereinstimmend eine den Bezug zur psychedelischen und drogengeschwängerten Artrock-Szene Londons herstellende freie Interpretation von Edvard Munchs Der Schrei.

Musik

Natürlich will und muss ich auch auf den musikalischen Inhalt eingehen, wenn auch nur kurz:

Schnell zusammengefasst: In The Court Of The Crimson King war wohl das erste wirklich progressive und damit einflussreichste und bedeutendste Album der Rockgeschichte – und somit auch der Grundstein für ein Genre, und seiner Zeit um Lichtjahre voraus.

Um jetzt nicht in persönliche Lobeshymnen für jede einzelne Note dieser zwischen sechs und zwölf Minuten langen komplexen Wunderwerke abzuschweifen, sei an dieser Stelle ein Auszug zum ersten Song aus einem wundervollen und sehr sachkundigen Review zitiert:

Das Album beginnt mit dem brennenden 23st Century Schizoid Man. Greg Lakes verzerrte, apokalyptische Vocals wurden von einem pulsierenden, chaotischen, um ein Mellotron erweiterten Riff überflutet. Der Song geht dann in ein verstandraubendes, Jazz beeinflusstes Instrumental über, und dies in einem atemberaubenden Tempo, während man erbarmungslos sämtliche Stil- und Genregrenzen übertritt, bevor man wiederum zum Anfang der Strophe zurückgeht. Unglaublicher Stoff, den jeder mal gehört haben sollte, zumindest einmal, bevor man Progressive Rock als Musik für schwerfällige Intellektuelle ohne Sinn für Stil oder Zweckmäßigkeit abtut. Schizoid Man ist Metal bevor Metal überhaupt existierte; und vielleicht der bombastischste Opener (jedenfalls auf jene Zeit bezogen), der je auf Vinyl, CD oder Tape gepresst wurde.
(Dan Pritchard, Metal Observer)

Dieses Werk, bzw. King Crimson in dieser Band-Phase, gilt als wichtige Inspiration und großer Einfluss für Bands wie ELP, Rush, Tool, Dream Theater, … und stellt damit einen unermesslich wichtigen Grundstein für die heutige progressive Musikszene dar.

Persönliches

Für mich ist diese Platte in ihrer faszinierenden Kombination aus Artwork, Lyrik und Musik ein absoluter Meilenstein der Rockmusik, bahnbrechend für das Genre des progressiven Rock und in seiner Gesamtheit ein Highlight meiner Musiksammlung.

Ich bin nach den ersten Kontakten mit progressiven Rockklängen, durch meine sehr bald sehr intensiv werdenden Recherchen, schon relativ früh auf diese „alte“ Platte gestoßen, hab’ somit sehr schnell eine CD davon gehabt, aber durchaus eine Weile gebraucht, bis ich sie vollständig erfasst hatte und sie zu meinen Lieblingen zu zählen begann.

Inzwischen steht das Meisterwerk in mehreren Versionen als CD, DVD-A, LP und neu gemasterte Sonderedition – ich weiß, völlig irre, aber bin halt Sammler ;-) – bei mir zu Hause.

Zum Abschluss will ich es mir aber auch nicht nehmen lassen, noch ein paar andere grandiose Cover zumindest zu erwähnen:

  • Pink Floyd – Dark Side Of The Moon
  • The Beatles – White Album, Sgt. Pepper
  • Jethro Tull – Thick As A Brick
  • The Velvet Underground – The Velvet Undergound & Nico
  • The Rolling Stones – Sticky Fingers
  • Black Sabbath – Last Supper
  • Deep Purple – In Rock

So genug geschwafelt … ich geh jetzt die Platte auflegen, „sie sieht mich schon so verzweifelt an“ ;-)

Über den Autor: Florian Allesch arbeitet im Bereich Medien/Kommunikation bzw. als Sozialarbeiter, schreibt für einige Online-Musikmagazine und darf eine relativ umfangreiche Plattensammlung mit Fokus auf den Rock-/Metal-Bereich sein Eigen nennen. FA on www, Xing, Facebook, Twitter & Last.fm.

King Crimson: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle. Florian Allesch war bereits mit einem Text zu Tag 5 mit dabei.

@PrinceznaAndrea über ein Album, das man richtig laut hören muss: Kate Bush – The Dreaming (1982)

Schuld sind eigentlich Placebo. Deren Coverversion von Kate Bushs Running Up That Hill ist ja schon ziemlich gut. Das genügte (mir) auch für einige Jahre. Dann kam irgendwann die Neugier und die Suche nach dem Original. Und ich so: Wow. Mehr davon. Seitdem ist das Kate Bush’sche Gesamtwerk auch in meiner Playlist vertreten.

Weiters schuld ist das Alphabet. Deswegen nämlich reiht mein Player das Album The Dreaming an die fast vorderste Stelle (gleich nach Aerial, das auch nicht zu verachten ist!), wenn mir nach Alles-von-Kate-Bush ist. Und das wiederum ist der Grund, warum ich diese Platte am besten kenne.

Ganz besonders schuld ist diese Stimme. Die verlangt nach nichts weniger als laut. Da kann schon mal Glas zerspringen – das muss so sein. Kraftvoll und stark, bestimmt und fordernd, drängend und peitschend ist sie, in den Wahnsinn treiben kann sie einen durchaus. Beruhigend ist das nicht, sanft ist nur ein Zwischenspiel. Das Schlimmste, was man ihr antun kann: mindere Sound-Qualität und ebensolche Lautstärke. Das nimmt den Reiz, kann geradezu nerven, und vor allem geht dabei dieses zelebrierte Leiden, diese zelebrierte Angst, diese zelebrierte Sehnsucht verloren!

Denn niemand schreit verzweifelter: „And I love life!“ (Pull Out The Pin), niemand bettelt verführerischer: „Please don’t go through with this“ (Night Of The Swallow), niemand haucht eindringlicher „No stranger’s feet will enter me“ (Get Out Of My House). Gilt auch für alle anderen Alben, da wie gesagt: Gesamtwerk.

Über die Autorin: Andrea prokrastiniert vor sich hin, lenkt sich mit „dem Internet“ vom Diplomarbeit-Schreiben ab und bereichert es (auf Twitter) mit Worten, manchmal auch mit Bildern. Ihr bevorzugtes Musikformat? Downloads, denn „Musik ist zum Anhören da, nicht zum Anfassen“.

Kate Bush: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Eine Platte aus der Sammlung von @dev_its Eltern (welche ihn übrigens auch sehr geprägt hat): Mike Batt – Tarot Suite (1973)

Und ja… dieses Medium ist wirklich noch gutes altes Vinyl – obwohl ich mittlerweile meinem Vater bereits eine CD-Version besorgt habe. Erzählen möchte ich trotzdem etwas über die Vinyl-Version, da diese Platte für mich ein „Gesamtkunstwerk“ darstellt.

Mike Batt – für alle die ihn nicht kennen – ist ein englischer Musiker und Produzent, dessen Schwerpunkte Pop-Balladen und populäre Klassik sind. Gerade beim Durchstöbern seines Wikipedia-Artikels werde sogar ich noch überrascht, wo dieser Künstler überall Eindrücke hinterlassen hat. Zum Beispiel ist die aktuelle Titelmelodie von Wetten, dass…? sein Werk, er hat aber auch für Art Garfunkel und Roger Chapman Stücke geschrieben sowie einige Soundtracks veröffentlicht.

Und da sind wir schon beim Thema: Soundtrack – so könnte man die Tarot Suite eigentlich gut beschreiben. Die Platte liefert uns von Batt komponierte, durch verschiedene Künstler interpretierte Stücke, die jeweils eine oder gleich mehrere Karten im Tarot darstellen. Dabei singt Batt selbst, oder Roger Chapman und Colin Blunstone.

Da wären zum Beispiel die Karten des Magiers und des Narren in Imbecile (Vocals: Roger Chapman), oder die Liebenden in Lady Of The Dawn, gesungen von Mike Bat. Musikalisch bietet diese Platte wirklich viele verschiedene Stile, die teilweise sogar in den einzelnen Titeln vermischt werden. In The Valley Of Swords zum Beispiel werden Rockelemente mit Klassik abgewechselt, Schlagzeug und E-Gitarre lösen Oboen, Klarinetten und Streicher ab, dennoch ist die Musik dadurch nicht zerfahren, eher ergibt sich ein gesamtes, vollkommenes Stück, in dem jeder seine Lieblingspassagen finden kann.

Weiters zählt bei der Tarot Suite auch die visuelle Komponente. Designt wie eine Doppel-LP zum Aufklappen enthält die Platte zusätzlich zu den wunderbaren Liedern in verschiedenen Stilen (rockig, klassisch, Balladen) auch alle interpretierten Spielkarten sowie die Liedtexte im schönen großen Format (was mir zum Beispiel bei der CD-Version sehr abgeht). Zusammen mit diesem Vinyl-Booklet ergibt sich ein wunderschönes audiovisuelles Erlebnis. Man könnte fast meinen, die Tarot Suite ähnelt ein bisschen Mussorgskis Bilder einer Ausstellung.

Aber auch ohne diese visuelle Information „hört“ man bestimmte Karten bei den einzelnen Titeln heraus – zum Beispiel die musikalische Umsetzung des Sonnenaufgangs in The Dead Of The Night (Karten: Stern, Mond) oder das Galoppieren der Pferde in The Valley Of Swords (Streitwagen, Gerechtigkeit).

Mein Tip: Das Album wirklich auf sich einwirken lassen, sich verzaubern lassen. Gerade für die ersten Eindrücke ist diese Platte einfach so zum „nebenbei Hören“ zu schade.

Über den Autor: @dev_it ist Webentwickler, Student, DJ, Papa und läuft gern der Frisbee-Scheibe beim Ultimate Frisbee nach. Twittern kann er auch, macht er aber sehr selten. Sein Leben verbringt er mit Freundin, Kind und drei Katzen in einem gemütlichen Haus in Wien.

Mike Batt: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Die Platte mit der kürzesten Spieldauer, die @catearcher besitzt: Nick Drake – Pink Moon (1972)

Ohne zu wissen, worauf ich mich damit einlasse, habe ich das Thema „Platte mit der kürzesten Spieldauer, die ich besitze“ gewählt. Ich entschied, mich auf LPs gemäß der Definition der britischen „Official Charts Company“ (die sagt: mindestens vier Tracks, oder 25 Minuten) zu beschränken. Die Musikverwaltungssoftware meines Vertrauens verriet mir schließlich, welches Album ich demnach besprechen darf: Pink Moon von Nick Drake.

Die ganze scheiß Welt ist gegen mich

Viele musikalische Genies wurden erst nach ihrem Tod als solche erkannt, waren zu Lebzeiten bloß mäßig erfolgreich, wurden belächelt oder völlig ignoriert; nicht wenige Künstler verzweifelten daran. Doch kaum einen traf dieses Schicksal so hart wie den in Burma geborenen Engländer Nick Drake.

Als Kind und Jugendlicher als talentiert, aber äußerst introvertiert (bis zur Isolierung) wahrgenommen, begann Drake als 18-jähriger mit Drogen zu experimentieren, und es dauerte gerade einmal drei Alben (oder acht Jahre) lang, bis ihn die Spirale aus Depression, Drogen und Armut schließlich in den Abgrund zog…

Ich brauche euch alle nicht

Drake steckte alles, was er war und zu bieten hatte, in seine Musik. Nachdem allerdings seine ersten beiden Alben von Kritikern insgesamt lauwarme Besprechungen erhalten hatten und ein finanzielles Desaster wurden (Bryter Layter, von welchem sein Produzent Joe Boyd sich großen Erfolg versprach, wurde nicht einmal 3000 Mal verkauft), verzweifelte er völlig und kapselte sich noch stärker von seiner Umwelt ab als zuvor; weder Freunde noch Familie bekamen ihn zu Gesicht. Mitten in dieser Phase der Isolation erschuf er, was viele als sein Meisterwerk ansehen: Pink Moon.

Anders als bei den ersten beiden Alben wurde er bei den Aufnahmen zu seinem dritten nicht von einer Band begleitet (an Bryter Layter wirkte unter anderem John Cale mit), sondern spielte es völlig alleine ein. Außer ihm war nur sein Produzent im Studio anwesend. Abgesehen vom Titelsong, bei welchem Drake auch einen Pianopart einspielte, ist auf den elf Tracks dieses 28 Minuten und 22 Sekunden langen Albums nichts außer seiner Stimme und seiner Gitarre zu hören. Die Aufnahmen dauerten nur wenige Stunden, verteilt über zwei Nächte.

A Self Portrait of the Artist as a Young Man

Das gesamte Album lässt sich mit einem einzigen Wort beschreiben: trostlos. Trostlos, da sich Drakes Gefühl der Verlassenheit unüberhörbar in seiner Musik widerspiegelt, und das, obwohl sie eher vorsichtig optimistisch als traurig klingt. Trostlos auch im Sinne der sterilen Instrumentalisierung, welche aber, zugegeben, für ein Folkalbum nicht unbedingt ungewöhnlich ist. Genau diese Sterilität macht aber die Magie von Pink Moon aus: Dieses Album ist das, was in der Musik einem Selbstbildnis an nächsten kommt. Wir erleben den Künstler ungeschminkt. Es verwundert nicht, dass eine Textstelle aus dem letzten Song dieses letzten Albums den Grabstein Drakes ziert: „Now we rise / And we are everywhere“.

Obwohl Drakes letztes Album sowohl seine Plattenfirma begeisterte als auch positive Rezensionen enthielt, fielen die Verkäufe sogar noch schlechter aus als bei seinen ersten Werken. Drake verarmte kurz darauf, und seine Depression war stärker als je zuvor. Im November 1974 starb Nick Drake an einer Überdosis Antidepressiva.

And Now I Rise And I Am Everywhere

Die Öffentlichkeit ließ der Tod des 26-jährigen Künstlers relativ kalt. In einem letzten, verzweifelten Anlauf veröffentlichte Island ein Boxset seiner Werke, doch auch dieses verkaufte sich schlecht.

Zehn Jahre nach seinem Tod passierte etwas Interessantes: Zahlreiche, teils weltberühmte Musiker gaben praktisch zeitgleich an, Drake habe ihre Musik beeinflusst wie kaum ein anderer. In den folgenden Jahren wurden seine Songs in Werbungen und Filmen verwendet, etliche Male gecovert und seine Alben erhielten endlich das Ansehen (und den Erfolg), das sie verdienten.

Drake hinterließ der Welt einige der schönsten Songs, die je geschrieben wurden. Wer noch nichts von ihm gehört hat, dem kann ich nur nahelegen, dies so bald als möglich zu ändern.

Über den Autor: @catearcher ist – im Gegensatz zu seiner Namenspatin – ein Mann und lebt, studiert und arbeitet als Softwareentwickler in Wien. Er hört Musik am liebsten digital, kauft aber seit einigen Jahren so viel Vinyl, wie er sich (nach Abzug der Kosten für Konzertkarten) leisten kann. Seine Pflicht als Social-Media-Möchtegern-Bobo erfüllt er in erster Linie auf Twitter. Wer ihn auf Konzerte diverser prätentiöser Indie-Bands begleiten will, darf ihn auf last.fm stalken.

Nick Drake: Website Myspace Amazon

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Ein so genanntes Konzeptalbum, dessen Konzept @DorisChristinaS überzeugt: dredg – Catch Without Arms (2005)

Konzept. Alle Bands arbeiten mit demselben Handwerk: Fünf Notenlinien, Akkorde, Harmonien, Tonfolgen und Texte, die mal mehr, mal weniger, Geschichten erzählen. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei 31 Platten dennoch zwei Mal dieselbe Band vorkommt, ist gering (den genauen Prozentsatz habe ich nicht berechnet, würde aber in etwa bei 0,0476 Prozent liegen). Aber bei einem überzeugendem Konzeptalbum gibt es nur eine Band, die mir sofort in den Sinn kommt: dredg.

Kontraste. Das 2005 erschienene Album Catch Without Arms spiegelt die Gegenseitigkeiten des Lebens wieder, wie es sonst nur Tag und Nacht könnten. Diese zwei Seiten des Lebens zeigen sich auch wieder, indem das Album in zwei Perspektiven gespalten wird. Während die ersten sieben Songs die „Perspective 1“ bilden und eher die Abgründe der Seele betrachten, machen die restlichen „Perspective 2“ aus und blicken in die Zukunft. Erkennbar ist dieses Schema etwa auch bei der Thematisierung des Alkoholproblems von Sänger Gavin Hayes. In Zebraskin kämpft er noch mit „a couple of drinks“, in Hungover On A Tuesday (eines meiner Lieblingsstücke auf dem Album) überzeugt das Engelchen auf der Schulter mehr als das Teufelchen, und er wird einsichtig, schwört Besserung („it‘s time for renewal“, „it‘s time for a cleansing“).

Progress. Die persönliche Weiterentwicklung, das konstante Verändern wird immer wieder durch das Ineinandergreifen der Songs thematisiert. So singt am Ende von Not That Simple eine Kinderstimme den Refrain von Planting Seeds, das einige Songs später in voller Orchestrierung von Hayes gesungen wird.

Fazit. Catch Without Arms ist ein wunderschönes Konzeptalbum, das unbedingt in einem durchgehört werden sollte und anregt, über die Sonnen- und Schattenseiten des Lebens zu sinnieren.

Über die Autorin: Doris Christina arbeitet in einer Wiener Kommunikationsagentur und hat nach Stationen in Oberösterreich, Tirol und Indien in Wien ihren Platz gefunden. Ihre Gedanken zur Welt in Kurzversion findet man auf Twitter.

dredg: Website Myspace Amazon

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Eine Platte, für deren Besitz sich bluetom schämt: Bon Jovi – Slippery When Wet (1986)

„Sex, Drugs & Rock’n'Roll!“ sind die drei Säulen, die das Leben männlicher Teenager bestimmen. Hat man seine Teenagerjahre in den 80er-Jahren in der niederösterreichischen Provinz – genauer gesagt im Traisental in der Stadt Herzogenburg – durchlebt, wurden die drei Bestandteile dieser Formel in etwa so ausgelebt:

Der Wunsch nach „Sex“ wurde durch heimliches Schauen der „Série Rose“ im Nachtprogramm des ORF abgedeckt. Das Verlangen nach „Drugs“ stillte man mit dem Konsum von Gerstensaft (Egger Bier in der Ein-Liter-Flasche!) oder Wein (bevorzugt Grüner Veltliner im Doppelliter-Format).

Aber es war für die Herzogenburger Jugend, die sonst in ihrer Freizeit entweder beim örtlichen Fußballverein oder der Freiwilligen Feuerwehr engagiert war, unmöglich, nicht mit „Rock’n'Roll“ in Berührung zu kommen. Wer einen älteren Bruder hatte, wurde von diesem von klein auf mit Rockmusik von Kiss, Electric Light Orchestra und Queen beschallt. Auch aus den von Jugendlichen frequentierten Lokalen tönte die Stromgitarre. Für diese Teenie-Generation galt die australische Hau-drauf-Rockband AC/DC als das Maß aller akustischen Dinge, deren Song T.N.T. zur inoffiziellen Hymne der Adoleszenten Herzogenburgs erhoben wurde. Geburtstage oder sonstige Feierlichkeiten in Heurigenlokalen, Weinkellern oder dem legendären „Disco-Stadl“ arteten zu wilden Headbanger-Partys aus.

Vokuhila-Mopedgang

Auch das optische Erscheinungsbild der Jugendlichen passte sich dem Rock’n'Roll-Lifestyle an: Der erste Flaum auf der Oberlippe der Burschen harmonierte mit dem sich zart kräuselndem Nackenhaar, das sich alsbald zum gestandenen Vokuhila (auf niederösterreichisch: „Beid’l-Matt’n“) auswachsen sollte. Der ortsansässige Juwelier schoss stündlich Flinserl in die Ohren verwegener Jünglinge. Lange bevor H&M erste Schritte in den österreichischen Textilienmarkt wagte, uniformierte sich bereits eine ganze Jugendbewegung mit schwarzen T-Shirts, „Stonewashed“-Stretchjeans und Jogging-High-Turnschuhen oder Cowboystiefeln der Marke Billigsdorfer. Nach hitzigen Diskussionen erklärten sich sogar die besorgten Mütter Herzogenburgs bereit, Aufnäher mit diversen Totenkopf-Motiven auf den Jeansjacken ihrer Sprösslinge anzubringen. Neben Selbstversuchen mit alkoholischen Getränken waren Moped fahren und Gespräche übers Moped fahren die beliebtesten Freizeitaktivitäten. Bald sollte sich auch die erste Hardrock-Band der Stadt formieren: Die Parasites. Kurz: Das Herzogenburg der 80er-Jahre lebte und atmete einen Rock’n'Roll der eher peinlichen Sorte.

Soviel zum Umfeld, das junge Menschen dazu gebracht hat, einige der schlechtesten Rockplatten der 80er-Jahre käuflich zu erwerben. Der Leser möge dem Autor die ausführliche Schilderung der Begleiterscheinungen dieser Ära verzeihen. Sie stellt lediglich den Versuch dar, den Besitz der Schallplatte Slippery When Wet von Bon Jovi, die hier im Folgenden kurz besprochen werden soll, zu rechtfertigen. Hier könnte zwar auch genau so gut ein Tonträger der fürchterlichen Scorpions oder der unsäglichen Poison stehen – die Achtziger waren wahrlich nicht arm an miesen Rockbands. Aber Bon Jovi gibt es bis heute, und sie sind unverständlicherweise bis heute erfolgreich.

Poprock und Schmalz

Böse Zungen behaupten, die Band aus New Jersey habe im Lauf ihrer Karriere zwei Lieder geschrieben: Einen „fetzigen“ Rocksong mit Pop-Appeal und eine schmalzige Ballade. Diese beiden Songs werden von John Bon Jovi, Richie Sambora & Co bis zum St. Nimmerleinstag immer wieder aufs Neue reproduziert. Das Grundmuster dafür findet man in zehnfacher Form auf dem Album Slippery When Wet, mit dem ihnen im Jahr 1986 der große Durchbruch gelang. Einfach gestrickte Nummern mit banalen Texten sind seither das Markenzeichen und Erfolgsrezept Bon Jovis.

Muss man sich schämen, wenn man ein Album von Bon Jovi besitzt? Die Antwort ist: Ja. Sogar dann, wenn man es, so wie ich, im Jahr 1987 als Geschenk zum 14. Geburtstag bekommen hat. Bis zum 15. Geburtstag hat sie mir auch gefallen. Nach meiner Sozialisation in Herzogenburg (siehe oben) wusste ich es ja nicht besser. 16 Jahre später, beim Umzug nach Wien, war die Aversion gegen Bon Jovi bereits so groß, dass ich mich weigerte, bei der Übersiedelung meiner stattlichen Plattensammlung Slippery When Wet mitzunehmen. Jahrelang lag die Platte im Kinderzimmer und wurde erst anlässlich dieser „Rezension“ wieder auf den Plattenteller gelegt. Was soll ich sagen? Es war grauenhaft.

Let it Go!

Seite A beginnt mit einem einminütigen Keyboard-Intro, dann geht’s ab: „Let it rock, let it go..!“ Mehr muss über den ersten Song mit dem Titel – no na – Let it Rock nicht gesagt werden. Danach folgen die Superhits der Band. Die ersten beiden Singleauskopplungen, eine musikalische Abrechnung mit der Ex (You Give Love A Bad Name) und eine Durchhalteparole eines Workingclass-Pärchens in der Reagan-Ära (Livin’ On A Prayer), bestechen durch seichte Klischees und banale Eingängigkeit in Wort und Ton. Dann Social Disease, ein klassischer Füller. Als nächstes die dritte Single Wanted Dead Or Alive, eine Cowboyballade über das harte Tourleben der Herren Rockstars. *Gähn* – Nicht ganz so schrecklich wie das Jahre später erschienene Bed Of Roses, aber grauenvoll genug, um das Experiment hier abzubrechen. Für den Besitz der B-Seite dieser Schallplatte schäme ich mich zwar auch, aber für eine weitere Besprechung haben mich Kraft und Mut verlassen. Ich will eigentlich überhaupt nie wieder Bon Jovi hören! Schließlich trag’ ich heute auch keine Stonewashed-Stretchjeans mehr.

Über den Autor: bluetom lebt und arbeitet als Online-Redakteur in Wien, sammelt leidenschaftlich LPs, CDs, DVDs und MP3s und ist des öfteren bei Konzerten in der Arena, im WUK oder im Chelsea anzutreffen. Erster selbstgekaufter Tonträger: D.Ö.F. auf Musikkassette (1983). Letzter selbstgekaufter Tonträger: MidlakeThe Courage Of Others auf CD (2010). Erster Konzertbesuch: Alice Cooper, Kurhalle Oberlaa (1989). Letzter Konzertbesuch: Kasabian, Arena Open Air (2010). Nächste Konzerte: New Model Army, „Jubiläumstour“ in der Szene Wien am 12. und 13. November 2010.

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Eine Platte, mit der ich mein Kind nerve: Type O Negative – Bloody Kisses (1993)

So ganz genau bring ich’s wohl nicht mehr zusammen, aber ich bin mir doch fast sicher, dass Loudon Wainwright III ihr erster Kontakt zur Pop-Musik war. Natürlich könnte man argumentieren, dass im Kreißsaal Bob Marley und Papermoon liefen – auch kein schlechter Einstand! –, aber so richtig aufmerksam war die kleine Maus, damals quasi erst halbgeboren, in diesen Stunden sicher nicht. Die hatte wahrlich Wichtigeres zu tun als ihre kleinen Lauscher aufzustellen und den Klängen des Redemption Song oder von Tell Me A Poem zu frönen.

Also dann Wainwright, aber bitte richtig: Nicht den etwas öden Sohnemann Rufus, nicht die leicht verschrobene Tochter Martha. Kurz vor ihrer Geburt hatten wir den Film Beim ersten Mal im Kino gesehen (Originaltitel: Knocked Up), zu dem Loudon Wainwright III den Soundtrack beigesteuert hatte (Albumtitel: Strange Weirdos), welcher rasch, nachdem unsere Tochter angekommen war, in unserer Plattensammlung auftauchte. Dies kam nicht von ungefähr, denn der Refrain des Songs Daughter hatte sich mit den folgenden Textzeilen tief in unsere Gehirne gebrannt:

That’s my daughter in the water
everything she owns I bought her
Everything she owns.
That’s my daughter in the water,
everything she knows I taught her.
Everything she knows.

Aber auch Tracks  wie Grey In L.A. und X Or Y passten wunderbar in die erste Zeit der jungen Elternschaft, und untermalten die wunderbaren Stunden mit dem neuen Menschlein, dem wir den Namen Mira Eleni gegeben hatten, sehr passend. Von Wainwrights Daughter war es nicht weit zu Pearl Jams Daughter, das ich ihr zu Beginn selbst immer wieder leise ins Ohr säuselte:

Don’t call me daughter, not fit to
The picture kept will remind me.

PJ-Sänger Eddie Vedder brachte in jenen Tagen – es war der September des Jahres 2007 – sein Solo-Debüt heraus, das natürlich auch ein Pflichtkauf war, dem speziell meine Wenigkeit seit Monaten entgegen gefiebert hatte. Der Soundtrack Into The Wild zum gleichnamigen Film, den wir erst mehr als zwei Jahre später sehen sollten (und den ich leider etwas überbewertet fand!), war die perfekte Ergänzung zur Wainwright-Platte: Ähnlich ruhig, ähnlich süße Melodien, wenngleich Vedders Album, wie wir bald merkten, eine weitaus längere Halbwertszeit aufwies.

Erste wirkliche Reaktionen zeigte Mira jedoch erst auf Around The Sun, das damals aktuelle Album von R.E.M. – nicht deren bestes (um Himmels Willen!), aber es finden sich doch ein paar tolle, vor allem aber sehr ruhige Nummern drauf. Ich legte die CD erstmals aus Verzweiflung auf, weil Mira im dritten Monat ihres irdischen Daseins ernsthaft unsere Nachtruhe zu gefährden begann. Heute erinnere ich mich an viele, viele Nächte, in denen die Wunderlösung angewandt wurde: Die ersten drei Songs der R.E.M.-Platte (Leaving New York, Electron Blue, The Outsiders) brachten das Kind garantiert zum Einschlafen. Natürlich ging uns Eltern das Album nach kurzer Zeit wahnsinnig auf den Keks, aber was nützte es? Wir hielten durch. Und R.E.M. gehören ja eigentlich auch zu den wirklich Guten, denen man einiges verzeihen kann.

In den nächsten Monaten verwöhnten wir unsere Tochter mit der Musik von Cat Stevens, Bob Dylan und Neil Young, aber auch den Beatles, Morcheeba und Beck, und ich konnte sogar nachmittägliche Einschlaferfolge mit Soulwax verbuchen (Compute: der Rhythmus macht’s!), aber dann war plötzlich Schluss. Mira hatte nämlich eine Bernhard-Fibich-CD bekommen, und der sympathische Kinderliedermacher aus Niederösterreich sollte für lange Zeit zu ihrem Lieblingskünstler werden. Für uns eine harte Zeit – nicht etwa, weil die Kindermucke so unhörbar gewesen wäre, sondern weil bei jedem (wirklich JEDEM!) Versuch, einmal Musik für uns aufzulegen, sofort der Schrei ertönte: „Ich will Bernhard Fibich hören“, gefolgt von Song-Wünschen wie G’schamster Diener, Dschungelband oder Turnen ist gesund, die sie nach Aufforderung gerne auch zum Herzerweichen schön selbst interpretierte.

Die nächsten Erfolge in Richtung musikalischer Resozialisierung verbuchte ich im Sommer 2009, kurz vor Miras zweitem Geburtstag. Pearl Jam hatten einen neuen Song, The Fixer, der dem Kind wirklich, wirklich gut gefiel. Wahrscheinlich lag es am Refrain, der mit ausufernden „Yeah, yeah – yeah, yeah“-Rufen ausgeschmückt ist, was mich kurz (wirklich nur ganz kurz!) darüber nachdenken ließ, ob ich es vielleicht schon bald mit White Zombie versuchen könnte – immerhin die Band mit den wohl meisten Yeahs der Musikgeschichte.

The Fixer, aber auch das dazu gehörige Album Backspacer, war endlich wieder Musik, die der ganzen Familie zu 100 Prozent gefiel. Ab und an legte ich auch die neue Dinosaur Jr auf (Farm), was von Mutter und Tochter leidlich toleriert wurde – letztere faszinierte vor allem die Tatsache, dass jetzt immer öfter die großen schwarzen Scheiben zum Einsatz kamen, die man in den ersten Lebensmonaten wohlwissend vor ihr versteckt gehalten hatte.

Manche werden jetzt aufstöhnen, andere werden herzlich lachen, aber Run DMC ist eine Band, mit der man kleine Kinder wirklich gut unterhalten kann. Mira war etwa zweieinviertel Jahre alt, als Walk This Way und Tricky unser Wohnzimmer eroberten. Der „Chickenwalk“, den die kleine Lady dazu hinlegte, sucht wohl noch lange Seinesgleichen! Zu eben jener Zeit kam auch das schwarze Album von AC/DC auf den Plattenteller: Zu You Shook Me All Night Long hüpfte sie begeistert und mit der Plattenhülle als Mütze in der Wohnung auf und ab. Die Beatles kannte sie mittlerweile so gut, dass sie die Namen Paul, John, George und Ringo zumindest am Cover der roten bzw. blauen LP korrekt zuordnen konnte. Ja, ich weiß: Angeberei.

Womit ich sie aber – um den Kern des Themas zumindest zu streifen – zuletzt genervt habe, war Bloody Kisses von Type O Negative. Mir ist klar, dass dieses Album zum Teil nur gegen Altersnachweis (Ab 18 – die Ärzte lassen grüßen!) abgegeben worden ist, aber diese Zeiten sind 1.) schon etwas länger her, und mein kleines Wunderkind kann 2.) ganz ehrlich noch nicht englisch. Kürzlich hatte ich also Lust auf Hammersongs wie Christian Woman (allein für die Textzeile „Jesus Christ looks like me“ gebührt dem im April verstorbenen Peter Steele schon ein Platz im Rock-Olymp!), Black No. 1 und We Hate Everyone. Ich bekam aber recht schnell eins vor die Nase, als Mira trotz dezenter Lautstärke den Kopf hob, mich ansah und ruhig sagte: „Papi, diese Musik gefällt mir ur gar nicht!“ Seither besteht sie wieder öfter auf Hr. Fibich. Selber schuld, Alter!

Über den Autor: (mad) gehört dieser Blog.

Type O Negative: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Eine Platte, die man (angeblich) kennen sollte – die Dedalus Root aber noch nie gehört hat: David Bowie – Ziggy Stardust (1972)

Heute ist also der große Tag. 31 Stühle stehen im winzigen Allzweckraum des Gemeindezentrums im Kreis. Auf einem abgewetzten Schultisch stehen einige Tassen, eine Thermoskanne mit Kaffee und ein Teller mit altem Gebäck. Mir gegenüber auf den Stühlen sitzen 30 mir gänzlich unbekannte Menschen und betrachten mich interessiert, während ich als Einziger stehe und nervös an meiner selbstgedrehten Zigarette ziehe. Ich weiß, dass das, was gleich folgt, Teil meiner Therapie ist, schließlich sind wir kein Kaffeekränzchen, sondern eine Selbsthilfegruppe, aber trotzdem habe ich furchtbare Angst. Auch wenn ich vermute, dass jeder von Ihnen ähnliche Probleme hat, befürchte ich, dass sie mich auslachen werden, wenn ich das Wort ergreife und mein Problem schildere…

„Hallo, mein Name ist Dedalus, und allem Anschein nach bin ich ein Musikignorant…“

„Hallo Dedalus!“

„Was zum Teufel mache ich hier?“, frage ich mich. Wie konnte es dazu kommen, dass ich, der von sich behauptet er habe ein solides und ziemlich breit gefächertes musikalisches Allgemeinwissen, einige der wichtigsten Platten der Musikgeschichte nicht kenne? Und noch wichtiger: Wie zur Hölle schreibe ich eine Rezension über ein Album, das ich noch nie gehört habe?

Bei der Recherche für diesen Blogeintrag habe ich ein gutes Dutzend Listen gewälzt, um mir eine Übersicht darüber zu verschaffen, welche Platten man gemäß herrschender Meinung gehört haben sollte. Der Rolling Stone führt eine Liste der „500 Greatest Albums of All Times“, und rocklistmusic.co.uk hat eine Liste der 1001 Alben veröffentlicht, die man gehört haben muss, bevor man stirbt. Die Listen enthalten Platten, die in musikalischer Hinsicht das sind, was Musils Mann ohne Eigenschaften in literarischer darstellt: Meisterwerke und Meilensteine ihrer Ära.

Auf Platz 1 listet der Rolling Stone St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beatles, eines der ersten tatsächlichen Konzeptalben der Popgeschichte, dessen Albumcover allein schon genug Stoff für drei Sachbücher in sich birgt. Es folgt Pet Sounds (Beach Boys), das St. Pepper überhaupt erst möglich gemacht hat und auf dem neben den üblichen Instrumenten klappernde Löffel, Cola-Dosen, Plastikflaschen und Fahrradklingeln zum Einsatz kommen. Das war im Jahr 1966 und somit 14 Jahre, bevor die Einstürzenden Neubauten auch nur daran dachten, auf Schrott und Alltagsgegenständen rumzutrommeln…

Die Liste des Rolling Stone umfasst weitere Meisterwerke wie Bob Dylans Highway 61 Revisited (Gott sei Dank: gehört!), The Velvet Underground (gehört!) von der gleichnamigen Band sowie In A Gadda da Vida (Nie gehört!) von Iron Butterfly. Mit vielen der Platten aus dieser Liste geht es mir ähnlich wie mit Musils oben genanntem Hauptwerk: Ich kenne die Titel und bin dank Wikipedia und ein wenig gesundem Halbwissen in der Lage, ein wenig darüber zu parlieren ohne das Gesicht zu verlieren, falls dieses Thema auf einer Party zur Sprache kommen sollte. Aber in Ihrer Vollständigkeit gehört habe ich diese Meisterwerke nicht…

Auf Platz 35 finde ich dann tatsächlich etwas, das mich schockiert und mir die Schamesröte ins Gesicht treibt, denn auch dieses Album befindet sich nicht in meiner Sammlung:

The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars

„Bowie“, denke ich. „Klar kenne ich Bowie… Ich liebe Bowie!“ – Immerhin hat Bowie einige der großen Idole meiner Jugend, wie Trent Renzor oder Marilyn Manson, geprägt. Ich kenne Songs wie Heroes, Major Tom, Changes und natürlich Ziggy Stardust. Ich besitze eine Best Of von Bowie und die Single-Collection, aber ein ganzes Album des „Thin White Duke“ habe ich mir nie gekauft.

Warum eigentlich? Ein Album zu kaufen, nach Hause zu rennen und die Platte aufzulegen, um sie von vorne bis hinten durchzuhören, hat eine Qualität, die durch Downloads oder den digitalen Kauf bei Amazon nicht erreicht werden kann. Es gibt kein Shuffle und keine Skip-Funktion, das Medium selbst zwingt einen, die Platte von Anfang bis Ende durchzuhören. Dazu bedarf es Muße und Aufmerksamkeit, und das ist gut… Den Mann ohne Eigenschaften lesen wir ja auch nicht auf dem Klo oder beim Bügeln, oder? Ziggy Stardust also…

Das Album in seiner Gänze zu hören ist vor allem deswegen spannend, weil Bowie mit dieser durch klassische Hardrock-Gitarrenriffs und eingängigen Refrains geprägten Platte ein Konzept-Album hingelegt hat, das stilprägend für die gesamte Glamrock-Ära ist – und weil er mit diesem Album nicht nur Musik, sondern ein ganzes Image rund um die Kunstfigur Ziggy Stardust geschaffen hat. Allein die Textzeile „well hung with snow white tan“ des Titelsongs lässt mich unweigerlich an Musikgrößen wie Marc Bolan, Freddy Mercury oder Marilyn Manson denken, und lässt die Frage aufkommen, ob Bill Kaulitz weiß, wem er seinen Look zu verdanken hat. Am treffendsten hat Bowie selbst seinen Einfluss auf die Popwelt in einem Interview festgehalten: „I consider myself responsible for a whole new school of pretensions. They know who they are. Don’t you, Elton? Just kidding. No, I’m not.“ Genau diese Mischung aus augenzwinkernder Ironie und bitterem Zynismus zieht sich auch wie ein roter Faden durch das Album…

Bowie beginnt seine Erzählung in einer dem Untergang geweihten Welt, die die nächsten fünf Jahre nicht überstehen wird (Five Years) und weist uns direkt im nächsten Song den Weg zur Erlösung: die spirituelle, anbetungsvolle Nächstenliebe (Soul Love) der „church of man“. Zum Verkünder dieser Liebe ist sein schillerndes Alter-Ego Ziggy Stardust (Moonage Daydream) auserkoren, der seinen Fans die Nachricht eines Außerirdischen (Starman) verkündet, die baldige Erlösung und Rettung verspricht. Der schwere und steinige Weg an die Spitze des Rock-Olymp wird kurz angedeutet (It ain’t Easy), doch einmal am Gipfel angekommen, wird der von seinen Fans abgöttisch verehrte und außerirdisch schöne, androgyne Ziggy (Lady Stardust) zum überlebensgroßen Rockstar, der seinen Fans und der ganzen Menschheit ein Leben in Freiheit und Unschuld verspricht (Star).

In Wahrheit loten Ziggy und seine Spiders from Mars lediglich die Extreme des Rockstartums aus und verlieren allmählich den Boden unter den Füßen (Hang Onto Yourself). Ziggy selbst, der seine Fans und die Gitarre mit einer Leichtigkeit beherrscht, die Ihresgleichen sucht, verliert sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere mehr und mehr in der Rolle des Rock’n'Roll-Messias und geht dabei so weit, dass er Neid und Missgunst seiner Bandgenossen heraufbeschwört (Ziggy Stardust), so dass sich das nahende Ende abzeichnet. Schließlich erliegt Ziggy und seinem Hang zu Selbstzerstörung und Dekadenz (Suffragette City) und geht letztendlich daran zugrunde (Rock’n'Roll Suicide).

Nachdem ich das Album vollständig gehört habe, bin ich erstaunt wie viele Songs des Albums ich wider Erwarten doch kannte. Das erste Hören der Platte war ein wenig, als sähe man Casablanca zum ersten Mal und stellte dabei erstaunt und peinlich berührt fest, dass ein gutes Dutzend Filmzitate, die man allesamt kennt, aus diesem Film stammen… Spätestens wenn Bowie auf Sufragette City zu seinem legendären „Wham! Bam! Thank You Ma’am!“ ansetzt, ist man peinlich berührt dieses Album nicht vorher schon gekannt zu haben…

Und damit mir solche Peinlichkeiten und vor allem die erniedrigenden Selbsthilfegruppen mit ihrem schlechten Kaffee in Zukunft erspart bleiben, werde ich nun losziehen, um alle 500 Alben der Liste zu kaufen und zu studieren.

Danke!

Fakten zu Ziggy Stardust: 1997 wurde Ziggy Stardust bei der Umfrage Music of the Millennium von HMV, Channel 4, The Guardian und Classic FM auf den 20. Platz in der Kategorie „bestes Album aller Zeiten“ gewählt. 1998 zeichneten es die Leser des Q-Magazins mit Platz 24 aus, während der Fernsehsender VH1 es 2003 auf Platz 48 sah. Der Rolling Stone würdigte es als Nummer 35 der 500 „besten Alben aller Zeiten“, Q zeichnete es 2000 als Nummer 25 der 100 „besten britischen Rock-Alben“ aus. Das Album wurde am 25. Januar 1972 in Großbritannien mit Gold und Platin und am 12. Juni 1974 in den Vereinigten Staaten mit Gold ausgezeichnet. (Quelle: Wikipedia)

Track Listing:

  • Side 1:
    Five Years … 4:43
    Soul Love
    … 3:33
    Moonage Daydream … 4:35
    Starman … 4:16
    It Ain’t Easy (Ron Davies) … 2:56
  • Side 2:
    Lady Stardust … 3:20
    Star … 2:47
    Hang On To Yourself … 2:37
    Suffragette City … 3:19
    Rock’n'Roll Suicide … 2:57

Über den Autor: Dedalus Root lebt seit sechs Jahren in Berlin, hört anscheinend viel zu wenig gute Musik und hat Robert Musils Mann ohne Eigenschaften noch nie vollständig gelesen. Er bloggt unter  über das Leben, das Universum den ganzen Rest.

David Bowie: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Eine tolle Platte, deren Musikstil @cypher sonst nicht mag: Dälek – Gutter Tactics (2009)

Würde man mir meinen Laptop entreißen um zu sehen, was ich da so für Musik oben habe, käme hauptsächlich elektronische Musik jeglicher Art zum Vorschein, gemischt mit etwas Rock, Soul, Jazz und Industrial. Daft Punk, GRUM, Amon Tobin, The Chemical Brothers, nur um ein paar der Künstler zu nennen.

Nur Hip-Hop/Rap fehlt komplett. Nicht, dass ich diese Genres hasse, aber ich weiß einfach nichts mit ihnen anzufangen. Der Text-zentrische Stil ist einfach nicht das meine. Ich hab lieber die Musik im Vordergrund.

Eigentlich. Denn eine Gruppe gibt’s doch in meiner Musiksammlung, deren Stil hauptsächlich Hip Hop ist: Dälek.

Gefunden

I speak with razored tongue and pristine vision
You clinging to a past that perhaps left us dreaming
Longing for a heaven I never knew.

Dälek, 2012 (The Pillage)

Gefunden hab ich sie eher zufällig. Bin irgendwann auf das aus Wien stammende Blog They Shoot Music – Don’t They gestoßen, das Indie-Künstler jeglicher Couleur vorstellt. Einer der vorgestellten Künstler ist Dälek, und wie in jedem Porträt ist ein Video inkludiert. Darin sieht man einen leicht rundlichen Afro-Amerikaner, der in der Wiener Pizzeria Badolato eine Pizza zubereitet und dabei singt. Und bei dem ersten Hinhören klingt es wie typischer Hip Hop.

Fast. Etwas passte nicht ganz.

Beim zweiten Hinhören merke ich den Unterschied. Untypischer Hip Hop. Die Musik wird nicht komplett vom Gesang überdeckt, hat mehr Textur als die üblichen Hip-Hop-Beats. Die Texte sind auch nicht das, was man so von Mainstream-Hip-Hop kennt. Hip-Hop, aber irgendwie doch kein Hip-Hop. Ich wurde neugierig. Wer ist das?

Dälek

Gutter tactics backed with mathematics
Acts to cause havoc
Words weave with static
Streets tattered
Preachers turned addicts
Knowledge subtracted
Equation is Tragic

Dälek, Gutter Tactics

Dälek besteht aus MC Dälek, der sich um die Lyrics kümmert, sowie The Oktopus, der als Produzent agiert. Gemeinsam mit verschiedenen Gast-DJs erschaffen sie Alben und touren durch die Welt. Die Musik, die sie dabei produzieren, geht angenehm am Mainstream vorbei. Einflüsse von Noise, Industrial-, Rock- und Experimental-Musik findet der geneigte Zuhörer. Dälek selbst sehen sich in der Tradition des frühen, experimentellen Hip-Hop.

It’s purely hip-hop, in the purest sense. If you listen to what hip-hop has historically been, it was all about digging in different crates and finding different sounds, and finding different influences to create. If Afrika Bambaataa wasn’t influenced by Kraftwerk, we wouldn’t have ‘Planet Rock.’ So, in that sense, what we do is strictly hip-hop.

If there is a difference. It’s that the palette of sounds we work with is more varied than what has been called hip-hop in the last 10 years. Somehow, as hip-hop grew, it’s been put into this box. I think it’s funny when people are like, ‘That’s not hip-hop. It’s this and this and this.’ You can try to rationalize it as whatever you want to rationalize it as.

— MC Dälek, in: Jakubiak, David (March 2, 2007), „Dalek makes hip-hop without sound barriers“, Chicago Sun-Times (zitiert nach Wikipedia)

Und Dälek selbst fehlt dieses stereotypische Gehabe von Hip-Hop-Künstlern. Interviews mit MC Dälek lassen einen eher ruhigen, zurückhaltenden und intelligenten Menschen durchblicken, der sich viele Gedanken um seine Lieder und Texte macht. Däleks Lieder unterscheiden sich aber noch in einem weiterem Detail von vielen anderen in diesem Genre: Die Stimme von MC Dälek ist mit Absicht nicht in den Vordergrund gemixt. Sie vermischt sich mit der Musik anstatt sie zu verdecken.

Lyrics have always been essential to hip hop, but it doesn’t have to sound like karaoke.

— MC Dälek

Dälek – Gutter Tactics

Struggle ain’t made for the timid.
In these Bricks one mistake leave you rigid
Ain’t here for the gimmicks
Hip-Hop is how you live it.

— Dälek, Street Diction

Nach etwas Recherche und dem Durchhören einiger Lieder auf YouTube wagte ich den Sprung ins kalte Wasser, und besorgte mir das Album Gutter Tactics. Und stellte nach dem ersten Mal anhören fest: Gefällt mir.

Auch nach dem zweiten Mal mochte ich das Album noch.

Und nochmal. Und wieder. Und immer noch mochte ich es.

So fand sich das erste Hip-Hop-Album in meiner Musiksammlung ein. Eines, für das ich mir immer wieder gerne mal die Zeit nehme, es einfach mal von vorne bis hinten anzuhören, in aller Ruhe. Wo ich, anders als sonst, auch absichtlich auf die Texte höre.

Über den Autor: Nackt, hilflos und unfähig für sich selbst zu sorgen auf die Welt gekommen, hat @cypher diese Handicaps schließlich überwinden können um Programmierer, Prediger und Suppenkoch zu werden.

Dälek: Website Myspace Amazon Flickr (via saragassi)

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.

Liebe Leserinnen und Leser!

Da mich ein paar Kolleginnen und Kollegen leider im Stich gelassen haben, endet das Projekt „31 Tage – 31 Platten“ vier Tage vor dem dafür vorgesehenen Datum. Wir spielten also, im Nachhinein betrachtet, #3127 (Twitterjargon). Ich bedanke mich bei allen Beteiligten. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Hier geht’s zur Nachlese.

Am 1. September startet Florian Allesch „30 Tage – 30 Filme“ – nehmt euch Zeit dafür!