„Superlateral“ von Slave Called Shiver
Apr 28
Nicht etwa, dass Slave Called Shiver viel mit der schottischen Band Travis gemein hätten, im Gegenteil; aber deren Titel Tied to the 90′s bringt auf den Punkt, was ich beim Hören von Superlateral oft dachte: Das Album birgt eine ordentliche Mischung bekannter Sounds aus dem Umfeld der Grunge- und Alternative-Heroen, die im vorvergangenen Jahrzehnt zwischen London (Bush), Chicago (Smashing Pumpkins, Urge Overkill) und Seattle (Dutzende weitere Bands) Karriere machten. Damit könnte man es belassen, täte jedoch der Truppe um Sängerin Alicia Bankhofer unrecht, und sich selbst auch keinen Gefallen.
Bereits der Umstand, dass Slave Called Shiver auf weibliche Vocals setzen (ohne stilistisch in die Nähe der Riot-Grrrl-Bewegung zu gelangen), hebt sie von den genannten Bands ab, und die fast ständige Unterstützung der klassischen Instrumentierung (Gitarre, Bass, Schlagzeug) durch ein nie aufdringliches, aber stets essentielles Cello trägt ebenso zur Eigenständigkeit der Wiener Newcomer bei. Und so schafft die in der Studioformation vierköpfige Besetzung – neben Bankhofer sind das Cellistin Elisaveta Sharakhovskaya, Drummer Bernhard Hacksteiner sowie Philipp Rechthaler, der als Gitarrist und Bassist gelistet ist – mühelos den Spagat zwischen den Jahrhunderten und klingt trotz dem deutlichen 90er-Einschlag im Jahr 2010 keineswegs altbacken.
Die Marschrichtung wird bereits in den ersten Sekunden des Openers klar: Ein kurzes Schlagzeug-Intro, Stakkato-Riff und fetter Bass; dazu die charakteristische, feste Stimme, deren Spektrum deutlich mehr als eine Oktave umfasst. „I’m finding oceans in my head“, versichert Bankhofer, bevor das wahre Juwel des Songs präsentiert wird: Ein erstes kurzes Solo von Sharakhovskaya, mit dem sich Dirty Secret, wie Schiff auf unruhiger See schaukelnd, einem Finale zwischen Apocalyptica und Led Zeppelin nähert. Schlagzeuger Hacksteiner outet sich spätestens im zweiten Track, dem prächtigen Sexy: Er konnte sich offensichtlich nicht zwischen einer Laufbahn als Jazz-Percussionist und dem Ruhm eines Metal-Drummers entscheiden. Mit dem deutlichen Stempel, den er dem SCS-Sound damit aufdrückt, wäre er dennoch für jede Band ein Gewinn.
Great Escape ist Alternative-Rock in Reinkultur: So versuchen Nickelback seit zehn Jahren zu klingen, könnte man meinen – melodisch, solide, breitenwirksam. Das ist ganz gut, aber nicht sensationell. Wie dieser Song geht auch der darauf folgende in die melancholische Richtung. Bankhofers Organ schmiegt sich an ein ruhiges, cleanes Gitarrenriff und lockt: „Come closer, my dear.“ Der Cello-Einsatz im Mittelfeld sorgt, gemeinsam mit einem – ja, doch – Gefühlsausbruch der charismatischen Vokalistin, für so etwas wie einen Gänsehautmoment und macht Way out zu einem ersten echten Höhepunkt der Platte. Principle of Pleasure trumpft mit dreckig-hypnotischer Gitarrenarbeit, bleibt jedoch mit Ausnahme des letzten Viertels, in dem die bislang etwas unterdrückte Rocksau erstmals ausbricht, ein wenig unter dem bisherigen Niveau.
Als wirklich grandiose – wenn nicht gar die beste – Komposition entpuppt sich nach mehreren Durchgängen der sechste Track, Paint my Blues: Ein echter Grower. Wie die Gitarre den Song ab der dritten Strophe voran treibt, ist schlicht großartig, und in Summe mit den Breaks, die Rechthaler später folgen lässt, sowie dem an Alice In Chains angelehnten Wah-Wah-Solo über einem plötzlich tonnenschweren Riff entwickelt sich eine tolle Dynamik. Die Bridge, von zweistimmigem Gesang eingeleitet, streift die besseren Zeiten der einst fantastischen System Of A Down. Insgesamt macht Paint my Blues die gelungenen Arrangements dieses Albums erst so richtig bewusst und sensibilisiert zudem für die zahlreichen Details, mit denen jedes Bandmitglied seinen Beitrag verziert und damit in der Regel bereichert.
Mit Scream Therapy folgt ein vermeintlicher Stilbruch, der trotz Funk-Riff und einem den Refrain abschließenden Basslauf zwischen Les Claypool und Flea die bereits bekannten Zutaten beinhaltet. Im Endeffekt handelt es sich um einen ordentlichen, aber keinen der besseren Songs. Bird of Prey lässt mich an das starke, aber kommerziell leider gefloppte Projekt Sweet 75 des früheren Nirvana-Bassisten Krist Novoselic aus 1997 denken, und mit Lies laufen Slave Called Shiver gegen Ende noch einmal zur Höchstform auf – eine Spur Godsmack, harte Beats und sehr viel Power –, bevor mit Let’s Not Fight der schwächste Song auf Superlateral folgt: Eine klassische B-Seite – wenngleich lässig präsentiert –, die von dem insgesamt starken Album aber locker getragen wird.
Pressure, der letzte Song, wurde als erste Single ausgewählt, was in Ordnung geht, da er sozusagen die Hardfacts des Albums komprimiert und einen guten Vorgeschmack auf die Langrille (Anm: Wörter wie dieses gilt es im Zeitalter der digitalen Downloads umso hartnäckiger zu pflegen!) bietet: Gefühle, eine starke Dynamik und ein fulminantes Rock-Finale, das einen mit dem Bedürfnis entlässt, gleich wieder Track eins anzuwählen.
Fazit: Trotz der vielen Bandverweise ein absolut eigenständiges Debüt, das ich gerne empfehle.
Wer sich von den Live-Qualitäten der Truppe überzeugen möchte, hat dazu laut Band-Website am 10. Juni im Wiener Viper Room Gelegenheit. Hörproben bietet neben der Slave Called Shiver-Hompage auch MySpace.
Eine frühe, aber schon sehr starke Version von Sexy gibt’s im FM4-Soundpark zu hören.
Und wer’s jetzt eilig hat, lädt sich Superlateral gleich bei Amazon zum sehr fairen Preis runter!
1 Kommentar
Kommentar von nanobassanimal am 30. Juni 2010 at 08:24
Gut ausgearbeitetes Review mit sehr gutem Hintergrundwissen – so soll es sein!