Bologna: Es gibt noch viel zu tun
Mrz 12
Ob es nun bis zu 12.000 Demonstranten waren, über die sich die studentische Seite freut, oder den Angaben der Polizei entsprechend doch nur ein knappes Viertel davon (laut Austria Presse Agentur, APA): Studierende aus ganz Österreich und einigen Nachbarländern – die APA verweist auf zumindest „eine rund 300-köpfige italienische Delegation“ sowie „zahlreich vertretene Schweizer Unis“ – haben am Donnerstag deutlich gemacht, dass die politischen Zugeständnisse nach den Protestaktionen und Hörsaalbesetzungen im vergangenen Herbst nicht ausreichen. Der damals zuständige Minister war bereits mit einem Bein in Brüssel und brauchte sich nicht mehr ernsthaft um die Misere zu kümmern, seine ziemlich spät bestellte Nachfolgerin hatte bislang kaum eine Chance, ihr persönliches Konzept für die Zukunft der Hochschulen zu entwickeln, geschweige denn zu präsentieren.
Was ihr bisher auskam: Es soll weitere Zugangshürden geben, weil der Staat zu wenig Geld für eine Erweiterung der Hochschulkapazitäten hat, und die Uni-Rektoren stehen so ziemlich hinter dieser Idee. Soweit waren wir allerdings schon zu Beginn der Bologna-Reform, deren zehnjähriges Jubiläum die EU-Wissenschaftsminister gerade nachträglich in Budapest und Wien reflektieren (bis Sonntag): Im Herbst 2001 führte Wolfgang Schüssels erste Regierung – für die Hochschulen verantwortlich war zu dieser Zeit schon seit einem Jahr Elisabeth Gehrer, die sich davor in erster Linie um schulische Belange bemüht hatte – Studiengebühren ein, um damit (vorerst) den Staatshaushalt zu stützen. Die Universitäten selbst, und damit vor allem die Studierenden, die plötzlich 5000 Schilling (die bekannten 363,36 Euro) pro Semester berappen mussten, gingen leer aus. Letzteren wurde immerhin versprochen, künftig darüber abstimmen zu dürfen, ob ihr Geld für mehr Personal oder ausreichend Klopapier neben dem Audimax verwendet werden sollte. Ein (später tatsächlich durchgeführtes!) Vorhaben, das einen heute peinlich berührt schmunzeln lässt.
Im Jahr 2010 sind (moderate) finanzielle Beiträge seitens der Studierenden für viele, die zu Beginn vehement dagegen waren, kein absolutes Tabu mehr. Das Bologna-System ist unter jenen, die sich ernsthaft damit auseinander gesetzt haben, wenig umstritten – es birgt großartige Ideen; bei der Umsetzung hapert’s aber noch sehr. So sind die Bachelorstudien derzeit kaum als berufsbefähigend zu bezeichnen, wie eine aktuelle Studie der European University Association (EUA) besagt, für die 821 Unis und 27 nationale Universitätsverbände in den 46 Ländern, die an der Bologna-Reform teilhaben, befragt worden sind.
Arbeitgeber erkennen die Qualifikation durch das Bakkalaureat oft nicht im vollen Maße an, heißt es in der Untersuchung. In vielen Ländern „bleibt häufig der Master die Eingangsqualifikation für den Arbeitsmarkt“. Weitere Bologna-Schwäche: Die Studierendenmobilität, ein Kernthema der Bemühungen, konnte in zehn Jahren nicht signifikant gesteigert werden. Dennoch: Die Einstellung der Hochschulen zur Umsetzung von Bologna sei größtenteils „sehr positiv“ (58 Prozent); zwei Fünftel sehen „gemischte Ergebnisse“. Durchwegs negativ wird das Bologna-System allerdings nur von 0,1 Prozent der befragten Unis beurteilt, was, wenn mir seitens der EUA-Pressestelle eine korrekte Kurzfassung übermittelt worden ist, nur einer Universität entsprechen würde. Die Untersuchung wird dieser Tage im Rahmen der EU-Ministerkonferenz präsentiert und steht allen Interessierten bereits als PDF-Download zur Verfügung.
Wer sich für die Schwachstellen der Bologna-Reform (im deutschsprachigen Bereich) interessiert, der sei auf diesen Artikel verwiesen, indem ich den unlängst abgehaltenen Vortrag des Hamburger Emeritus Rolf Schulmeister an der Fachhochschule Wien für den Standard zusammengefasst habe. Ebenfalls im Standard erscheint morgen heute (uups – ich hatte eigentlich beabsichtigt, diesen Beitrag gestern Abend vor Mitternacht online zu stellen) eine Beilage anlässlich der laufenden EU-Ministerkonferenz, für die ich mich in Schulmeisters Thesen vertieft habe; leider erscheinen in dem betreffenden Artikel fast nur jene Teile des Interviews, die sich mit dem Vortrag im Jänner überschneiden, weshalb ich den vollen Wortlaut an dieser Stelle freigebe.
Eine genauere Analyse der Bologna-Ziele und deren Umsetzung spare ich mir 1., weil ich dazu in der rosa Zeitung bereits oft genug das Vergnügen hatte und 2., weil genau das Kollegin Ingrid Brodnig vom Falter gerade so aktuell, umfassend und charmant gemacht hat, wie es mir noch nie gelungen ist: Read this!
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