Bundespräsident Heinz Fischer hat „seine Sache sehr ordentlich gemacht“, bestätigt ein weiterer Präsident, der sich um die Verlängerung seiner Amtszeit wenig sorgen muss – nämlich jener der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl –, im Standard. Zwar sei er mit der Meinung, dass die ÖVP auf eine Kandidatur verzichten solle, in der Partei lange Zeit allein gewesen; dann aber wurde daraus doch „die Mehrheitsmeinung“. Ausschließlich „wegen eines Achtungserfolgs anzutreten ist – auch wegen der Kosten – nicht sehr ratsam, das bringt nichts“, weiß Leitl. Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll nennt das, was am Donnerstagnachmittag von seinem Neffen, Vizekanzler und Finanzminister Josef Pröll verkündet werden soll, zwar „einen strategischen Fehler“. Aber wie sollte gerade er, der eigentlich selbst angetreten wollte, nur leider viel zu früh und – auch ein „strategischer Fehler“ – auf einem Ticket der Kronenzeitung bereits im Juni 2009 einen entsprechenden Vorstoß wagte (oder meinetwegen in den Ring gestoßen wurde), auch anders agieren?

Momentan sieht es so aus, als liefe das Match am 25. April auf Heinz Fischer gegen Barbara Rosenkranz, die „Übermutter“ aus der FPÖ, hinaus. HC Strache, der zumindest so tat, als würde er mit einer Kandidatur liebäugeln, wird sich das nämlich nicht antun. De facto würde er sich damit a) selbst in einem Amt fesseln, das er nicht anstrebt – er will ja zuerst Wiener Bürgermeister und, wichtiger, bald darauf Bundeskanzler werden –, oder viel wahrscheinlicher b) durch eine Wahlniederlage selbst beschädigen. Die Betonung liegt dabei auf dem „selbst“; für die Partei kann nämlich fast jedes Ergebnis als Erfolg verbucht werden – auch wenn ich keinen Moment an Heinz Fischers Verbleib im Amt zweifeln möchte –, und bis zu 30 Prozent darf man der FPÖ durchaus zutrauen. Da wären zum einen diejenigen, die auf jeden Fall blau wählen, plus jene, die einfach eine Stimme gegen Heinz Fischer abgeben wollen.

Nach dem Sieg des SPÖ-Kandidaten könnte zudem mit einer angeblich frauenfeindlichen Grundstimmung politisches Kleingeld gemacht werden; man hat schließlich oft genug erlebt, wie schizophren in der FPÖ argumentiert werden kann. Und schließlich hat auch Benita Ferrero-Waldner, die Heinz Fischer 2006 immerhin nur mit 48 zu 52 Prozent unterlegen ist, bedauert, „dass viele einer Frau das erste Amt nicht zugetraut haben“, um damit über „die linken Emanzen“ zu wettern. Zu befürchten ist weiters, dass die Mobilisierungsmaschinerie der SPÖ nicht ganz so leicht in die Gänge zu bringen ist, wie es Straches Gang bei den letzten paar Wahlen vorgemacht hat. Würde DJ Heifi gegen den Rapper HC – der so oder so bis zur Wahl eine große Rolle spielen wird – im Kampf der Spindoktoren und Marketingstrategen nicht kläglich untergehen? Gerade bei den Jungen, die damit angesprochen werden sollten?

Überhaupt: Die Jungwähler bitte nicht unter(über?)schätzen! Allein aus meinem Vorarlberger Verwandten- und Bekanntenkreis sind mir folgende Geschichten zu Ohren gekommen: Im September entschieden sich Erstwähler in der Wahlkabine spontan für Dieter „Exiljude“ Egger, weil sie am Vortag „von einem depperten Ausländer“ relativ uncharmant angeredet worden waren; für die kommende Gemeinderatswahl im März ließen sich Mitte-20-Jährige – ein Alter, indem man sein Hirn langsam einschalten könnte! – zur FPÖ-Kandidatur bewegen, weil sie „den Spitzenkandidaten gut kennen“ bzw. er „ein Freund ist“; ansonsten hätten sie aber nichts mit der Partei oder deren Programm am Hut. Ja, klar. Besagte Politversager entstammen übrigens allesamt völlig unverdächtigen Elternhäusern, die sich bislang mal mehr, mal weniger aktiv für die ÖVP oder die Grünen engagierten. Natürlich, es bleiben Einzelfälle – aber sie zeigen eine Tendenz auf.

Gerald Bäck schreibt in seinem BäckBlog, dass er auf Straches Präsidentschaftskandidatur hofft, weil sich „(k)ein Österreicher, keine Österreicherin (…) mit den üblichen ausländerfeindlichen Parolen hinter dem Ofen hervorlocken lassen (wird). Medien und WählerInnen werde[n] sich bei dieser Wahl auf das konzentrieren, worum es geht: Auf die Personen. Und wenn es um die Person geht, kann HC Strache nur verlieren.“ Denn: „Einen Schmäh, der im Bierzelt gut ankommt, den möchte keiner in der Hofburg haben, nicht einmal die Bierzeltbesucher.“ – Ich frage mich: Woher diese absolute Sicherheit? Und zur Ansicht, dass der FPÖ-Chef „jedenfalls unter dem FPÖ Wahlergebnis bleiben“ würde, gebe ich zu bedenken: Dieses lag bei der NR-Wahl 2008 bei „nur“ 17,5 Prozent, und selbst seriöse, geschichtlich und humanistisch gebildete Journalisten verweisen immer wieder auf einen braunen „Bodensatz“ (übrigens nicht nur in Österreich) von zumindest 15 Prozent. Ohne Protestwähler, ohne Fischer-Gegner aus der ÖVP-Ecke: 15 oder mehr Prozent wirklich ausländerfeindliche, rechtsextreme und/oder NS-affine Wahlberechtigte. Die wählen alles, auf dem FPÖ drauf steht; denen ist – ein Lichtblick in diesem Zusammenhang – die FPÖ allerhöchstens noch zu liberal. (Aber da scharrt schon die nächste Option in den Startlöchern.)

Um ein Ende zu finden noch ein paar Worte zu den Grünen, die ebenfalls laut über eine eigene Kandidatur nachgedacht und diesem Vorhaben bislang noch keine offizielle Absage erteilt haben. (Edit: Dieser Kelch ist nun an uns vorüber gegangen.) Viel zu lange wurde spekuliert, ob Alexander Van der Bellen, dem dazu keine (klare) Stellungnahme zu entlocken war, gegen Heinz Fischer antreten könnte. Für manch einen früheren Grünwähler ist die Partei damit noch weiter aus dem schmalen Feld der Wahloptionen gerückt, als dies in den vergangenen Jahren – und vor allem bei der EU-Wahl vergangenen Mai – schon der Fall war. Mal ehrlich: Kennt nicht jeder in seinem Umfeld Leute, die sich darüber beklagen, momentan nicht mehr grün wählen zu können? Ist das nicht einer der Gründe, warum die Wiener SPÖ doch noch auf den Erhalt der absoluten Mehrheit hoffen darf – weil sie eine Alternative zu den schwammigen Inhalten der Grünen auf Landes- und Bundesebene bietet? (Immerhin: Die Stadt funktioniert ganz prächtig, auch wenn das Hundekot-Problem in den vergangenen Monaten wieder deutlich präsenter geworden ist!)

Meine Meinung: Gegen Heinz Fischer kann man, gerade wenn man „grüne“ Inhalte lebt, wenig sagen. Im schlimmsten Fall heißt es vielleicht, er falle politisch nicht auf, melde sich zu wenig zu Wort, etwa in der Asyldebatte. Seinem Vorgänger Thomas Klestil, der zumindest in der zweiten Amtszeit und insbesondere ab dem schwarz-blauen Kabinett Schüssel I einen grandiosen (und nicht unsympathischen) Unterhaltungswert entwickelte, warf man das Gegenteil vor. Wie also handeln, um alle zufrieden zu stellen? Eben: Das geht nicht. Mit Fischer als einzigem Gegenkandidaten könnten die Grünen, wie Bäck für die FPÖ vermutet, wohl tatsächlich unter ihrem bisherigen Wahlergebnis bleiben, das bei der NR-Wahl 2008 mit 10,4 Prozent (und Platz fünf!) schon sehr schwach war. Eher noch, so mein Verdacht, könnten sie im Dreieck mit Rosenkranz (Strache) und Fischer punkten, indem sie „echte“ linke Proteststimmen an sich binden – zu Heinz Fischers Lasten. Natürlich ist das alles Spekulation, aber wer weiß, ob nicht dann am Ende erst recht eine Stichwahl zwischen SPÖ und FPÖ anstehen könnte? In die der/die blaue Kandidat/in tatsächlich sehr gestärkt gehen könnte?

In diesem Sinn bleibt die Hoffnung auf eine baldige, endgültige Absage der Grünen an ihre Hofburg-Ambitionen. Alexander Van der Bellen – und wen außer ihm könnte man sich denn auch halbwegs als grünen Bundespräsidenten vorstellen? – wird es kommenden Oktober in der Wiener City als Spitzenkandidat auf Bezirksebene versuchen: Dafür alles Glück der Welt. Erhalte uns und unseren Kindern die erfrischenden Klänge der Straßenmusikanten und den freien Zutritt zu den Parks, Sascha!