Die Frage der Schuld
Feb 18
Im Alter von etwa zehn Jahren war ich ein ziemlicher Hundenarr. Mein sehnlichster Wunsch war damals, einen Border-Collie zu besitzen. Den hätte ich Lassie genannt, oder auch Bessie, nach dem Titelhelden des bekannten Westerncomics. Auf die Rasse bin ich durch ein Buch gekommen, das ich geradezu verschlungen habe, und das mehrfach: Nop, der Sieger von Donald McCaig. Für meine Eltern war die Sache tabu, und als ich irgendwann von daheim abgenabelt war, wollte ich meine vier Wände doch wieder deutlich lieber mit einem Menschen teilen, der immerhin nicht alles vollhaaren würde. Uninteressant? Wohl, aber mir geht es um diese Feststellung vorab: Ich kann was mit Hunden anfangen; ich hasse sie nicht.
Hier in Wien ist der Hund an sich vielen Leuten mehr wert als jeder Mitmensch – insbesondere falls es sich dabei um ein Kind handeln sollte. Zwar hat sich die Gackerl-Sackerl-Kampagne recht positiv auf das Erscheinungsbild der Straßen ausgewirkt – der langfristige Erfolg konnte zwar in den letzten Monaten durchaus in Frage gestellt werden –, aber seinen liebsten Vierbeiner auf einen Spielplatz kacken oder an Hauswände, Autos und Fahrräder strullen zu lassen ist für manchen Zeitgenossen nach wie vor ein Kavaliersdelikt. Wenigstens hält sich der persönliche Schaden in Grenzen, wenn man als Hausbesitzer, Radler oder Fußgänger damit konfrontiert wird: Ekel und Ärger bringen einen kaum um.
Die gerade erlebte Volksbefragung machte es möglich, dass wieder mehr über Hunde (und ihre Besitzer) geredet wurde, und zwar in puncto Gefährlichkeit verschiedener Rassen. Einem Rottweiler oder Dobermann geht man selbstverständlich aus dem Weg, auch wenn das Tier brav angeleint und bemaulkorbt ist; andere Rassen mag man vom Namen her kennen – American Pitbull Terrier, Bullterrier –, hat aber oft kein Bild dazu; ersterer sieht sogar ganz nett aus, und kann es wohl auch sein. Der Zorn diverser (und teils wohl selbst ernannter) Experten für das Verhalten von Hund und Mensch richtete sich also gegen die Wiener SPÖ und unterstellte dem Bürgermeister unverhohlen Hundehass – nur weil die Frage nach der Notwendigkeit eines „Hundeführerscheins“ überhaupt gestellt worden ist.
Ich möchte an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, warum ich diesen Eignungsnachweis für Hundehalter ohne Vorbehalt befürworte, und zwar für jede Rasse (außerdem würde ich eine Erhöhung der Hundesteuer begrüßen, sowie ernstzunehmende Strafen für jene, die den Dreck ihrer Vierbeiner nicht entfernen, aber das nur nebenbei). Sondern vor allem möchte ich einem besonderen „Argument“ jener widersprechen, die in den letzten Wochen so vehement gegen eine Überprüfung der Hundehalterkompetenz aufgetreten sind. Es gebe keine gefährlichen Rassen bzw. Hunde, konnte man da tatsächlich mehrfach lesen und hören – Schuld an blutigen Zwischenfällen sei immer der Mensch. Zuletzt war heute am frühen Abend auf ORF 2 ein Profi zu sehen, der wieder einmal meinte, man müsse halt eben Ruhe bewahren, wenn man sich von einem (nicht angeleinten, maulkorbfreien) Hund bedroht fühle, der sich einem nähere. Dieser Herr ging nicht soweit, anders Handelnden eine Mitschuld an schweren Verletzungen (oder gar ihrer Tötung) durch einen Hund anzudichten, aber selbst diese Ansicht war mehr oder weniger schon deutlich zu lesen: „Hunde fühlen sich gerade durch kindliche Handlungen häufig bedroht, verunsichert oder gereizt“, hieß es etwa hier. Die Öffentlichkeit müsse „über einen adäquaten Umgang mit Hunden“ aufgeklärt werden; die Schulen sollten auch noch diese Aufgabe übernehmen.
Damit das einmal klar ist: Wenn sich ein Hund durch ein Kind bedroht fühlt, oder wenn er der Meinung ist, hierarchisch dem eineinhalbjährigen Nachbarsbub übergeordnet zu sein, dann mag das verhaltensbiologisch logisch sein. Entschuldbar ist ein daraus resultierender Angriff nicht. Und schon gar nicht kann man das Opfer dafür mitverantwortlich machen, wenn ihm schließlich ein Ohr oder der halbe Kopf fehlt. Dass Kinder durch Hunde schwer verletzt oder getötet wurden, ist in der Vergangenheit viel zu oft vorgekommen, und ich bin der Meinung: Jeder einzelne Fall rechtfertigt eine strenge Handhabung von Leine und Maulkorb insbesondere im öffentlichen Raum. Dafür müssen doch einige Hundehalter sensibilisiert werden, und zu diesem Zweck ist es legitim, alle anderen, die mitunter aufgrund ihrer Erfahrung, ihres Talents oder ihrer sozialen Intelligenz 1A-Hundehalter sind, zum so genannten Hundeführerschein zu verpflichten.
Und in diesem Sinn danke ich allen 89,21 Prozent aus den 24,18 Prozent 88,23 Prozent aus den 35,9 Prozent der Wahlberechtigten, die ihr Wahlrecht für ein Ja zum Hundeführerschein genützt haben. Damit hat sich immerhin jeder fünfte fast jeder dritte Wähler für (und nur drei Prozent gegen!) mehr Sicherheit auf Straßen, Höfen und Spielplätzen ausgesprochen (laut dem nun feststehenden, doch etwas überraschenden Endergebnis der Volksbefragung). Der Rest darf sich mitfreuen – oder über sein mangelndes Demokratieverständnis ärgern.
Im Übrigen wäre ich dankbar, wenn all jene, die sich in diesem Zusammenhang an einem angeblichen „Hunde-Rassismus“ gestoßen haben, einmal das Wort gegen echten Rassismus erheben würden. Der/die eine oder andere Politiker/in würde gewisse Aussagen künftig wohl überdenken.
Mehr zum Thema Kampfhunde und zur Rasseliste gibt’s in der Wikipedia.
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