Haiders Knappe und Wittgensteins Neffe
Jan 20
Dass sich da gerichtlich was tun würde, war abzusehen; verwunderlich ist, dass der Kläger fast drei Monate auf sich warten ließ. Bereits Ende September ist die Weiße Nacht von David Schalko erschienen, erst kurz vor Weihnachten jedoch sei dem Verlag die Anzeige untergekommen, und vor einigen Tagen schließlich drang das Ganze an die Öffentlichkeit. BZÖ-Anhängsel Stefan Petzner, im Oktober des vorletzten Jahres über die Kärntner Grenzen hinaus bekannt geworden, weil er Jörg Haider an dessen Todestag als seinen Lebensmenschen geoutet hat, fühlt sich durch Schalkos knapp 130-seitige Erzählung bloßgestellt und fordert dafür (finanzielle) Genugtuung. Die Argumentation: Man erkenne ihn in der erzählenden Figur Thomas aufgrund eines beschriebenen Delfin-Tatoos, einer erwähnten Solariumsbräune, einer Lieblingsfarbe (türkis) und eines Lieblingswortes (Flocke), das alles und nichts zu bezeichnen scheint, wieder.
Nun, er könnte sich diese Aufzählung sparen, denn bereits im Vorfeld des Erscheinens gab der Autor des Buches zu, dass die handelnden Personen teils an reale Existenzen angelehnt seien: dass der verunfallte Landeshauptmann und sein engster Vertrauter – ach: die gesamte Kärntner Selbstinszenierung in Folge des plötzlichen Sonnenuntergangs am 11. Oktober 2008 –, als Vorlage für ein fiktives Szenario dienten. Und, das ist nach Lektüre des schmalen Bändchens zu attestieren: Es würde ohne dieses zum Allgemeingut gewordene Wissen um die carinthische Psyche wohl gar nicht funktionieren. Denn was birgt sie schon, die Weiße Nacht? Wir wohnen einem Wiedersehen bei, das zwei bisher flüchtig Bekannte zu engen Gefährten macht. Der einfältige junge Mann folgt dem weisen Älteren, den er bald wie viele andere vergöttert, den sich eine Vielzahl zum gemeinsamen Messias erkoren hat – und der selbst nicht wenig davon überzeugt ist, die Welt nach seinem Willen formen zu können – bis zu dessen Tod. Die besonderen Fähigkeiten, die diesem Heiland zugeschrieben werden – „Thomas, ich kann die Tiere verstehen. (…) Ich kann mit ihnen sprechen.“ – und die übermenschlichen Kräfte, von denen der Erzähler berichtet – „[Er hatte] mit bloßen Händen einen weißen Tiger erlegt.“ -, zeichnen derweil das Bild eines verrückten, aber geschickt agierenden Sektierers.
Immer wieder tauchen Begriffe auf, die durchaus auf Jörg Haider zu verweisen scheinen: sein Auto wird „die Silberrakete“ genannt, ein großer See spielt eine Rolle, ein schwarzer Volkswagen wird in einen Unfall verwickelt, und der Sektenführer selbst lebt im „Tal der Wölfe“. Über diesen Erlöser wird gemunkelt, dass er „noch nie gelogen hätte“, und seine Schäfchen erhalten die Antworten auf ihre Sinnfragen „[d]urch ihn, mit ihm und in ihm“ – denn „[e]r war wir alle zusammen“. Die Verweise auf die christliche Lehre gehen so weit, dass der Berichtende an einer Stelle als einer von zwölf Jüngern („ungläubiger Thomas“) erscheint und an einer anderen Stelle „ein rigoroses Abbildungsverbot des Herrn“ gefordert wird.
David Schalko, dessen Anwalt die Schilderungen zurecht als „politische Satire“ verstanden haben will, bedient sich zu diesem Zweck der unterschiedlichsten Themen und Erzählformen, um sie auf unterhaltsame Art zu vermischen: antike Zahlenmystik, Karl-May-Szenarien, Blut-und-Boden-Romantik, Horror- und Fantasy-Roman, Boulevard-Report, Esoterik-Seminar, Kunstkatalog, Moralphilosophie und Verschwörungstheorien finden ihren Platz. Man fühlt sich aber gleichzeitig – auch eine Kunst! – an große Werke wie Alice im Wunderland, den Steppenwolf, Das Böse kommt auf leisen Sohlen oder Rosemarys Baby erinnert.
Jedoch, um es noch einmal zu betonen: die reale Vorlage schwingt immer mit, und aus dem vielleicht böswilligen, aber doch auch auf Erfahrung beruhenden Verdacht des Lesers, dass der ganze Schwachsinn im österreichischen Süden vielleicht doch irgendwie passiert ist, gerade eben passiert oder – es liegt im Bereich des Möglichen! – (noch einmal) passieren könnte, bezieht der Roman fast zur Gänze seine Kraft. Ohne diesen Konnex zum Tagesgeschehen wäre bereits nach wenigen Seiten die Luft raus. Niemandem wird das mehr bewusst sein als dem Autor selbst, und in diesem Sinn kann man nicht anders, als David Schalkos Buch wie einen Schlüsselroman zu lesen – dabei darf man gespannt sein, ob sich nicht bald noch weitere Personen aus dem Haider-Umfeld berufen fühlen, sich in der einen oder anderen literarischen Figur zu erkennen.
Das Wort „Lebensmensch“, auf das sich Petzners Klage ganz nebenbei auch beziehen soll, findet sich im Übrigen zwar im Klappentext, scheint aber im Roman selbst nicht vorzukommen; es sei denn vielleicht auf den sieben bereits geschwärzten Seiten im Schlussteil. (Gründe für diese Unkenntlichmachung konnte ich bislang nicht ausmachen; über eine frühere Klage scheint nichts bekannt – es mag sich um ein stilistisches Mittel handeln und funktioniert als solches auch. Edit: Eine Nachfrage beim Verlag ergab: dem ist genau so.) Dass aber Petzner den Begriff des Lebensmenschen kreiert haben soll, wie es angeblich in der Anzeige heißt, ist schlicht lachhaft: Das Wort ist spätestens seit dem Erscheinen der Erzählung Wittgensteins Neffe vor bald 30 Jahren bekannt und stammt, natürlich, von Thomas Bernhard. Auch dahin legt Schalkos Roman die Fährte: Sei es durch den Vornamen des Erzählers, die Thematisierung der Nestbeschmutzung, oder – Wink mit dem Zaunpfahl! – die Schilderung eines Geländes namens „Wittgensteins Park“, in dem sich so genannte „Wittgensteinlöwen“ tummeln.
Man sollte die Kläger im Vorfeld der Verhandlung zur (nochmaligen) ernsthaften Lektüre am besten beider Bücher verdonnern.
134 Seite / 16,90 Euro
1 Kommentar
Kommentar von Heinz Dieter am 20. Januar 2010 at 15:06
Klingt interessant – werde das Büchlein daher demnächst auch lesen.
Petzner sollte eigentlich froh sein, daß seine lächerlichen Auftritte in der Öffentlichkeit nach Haiders Tod langsam in Vergeßenheit geraten und diese nicht durch eine Klage wieder in Erinnerung rufen!